In einer Maßnahme gebunden

Flugzeug in Wartung mit offenen Triebwerken

Heute ist ein stressiger, aber eigentlich gut durchgeplanter Tag. Zum einen müssen wir sehen, dass wir gleich eine komplette Bundesliga-Fußballmannschaft mitsamt ihrem Mannschaftsbus durch die Kontrolle bekommen und sie zu ihrem Flugzeug bringen (ein normaler Linienflug, daher sehr zeitkritisch) und gleichzeitig haben wir eine Maschine aus Westafrika reinkommend, die hier in die Wartung gebracht werden soll. Sie kommt daher zwar ohne Passagiere rein, aber eine Weile dauern wird das alles schon, denn ein verantwortlicher Techniker der Wartungsfirma muss die Maschine mit mir gemeinsam annehmen und mit der Crew besprechen, was gemacht werden soll. Dann muss auch der Zoll einmal seine Nase in die Kabine stecken dürfen, wenn er das will. Sollte die Maschine direkt im Anschluss an einen Linienflug mit Passagieren hierher gekommen sein, müssen auch die Catering-Trolleys von Bord und gereinigt werden und so weiter. Wenn eine Maschine in die Maintenance kommt, dauert das meistens einige Tage, bis sie fertig ist. Je nachdem, was gemacht wird. Bis dahin fangen die Essensreste da drin womöglich an, zu leben. Und das will ja keiner. Und bei bestimmten Herkunftsregionen muss insektenvernichtendes Spray einmal durch die ganze Kabine gejagt werden, damit keine Tiere eingeführt werden, die womöglich irgendwelche Krankheitserreger in sich tragen. Also es muss einiges getan werden, bevor die Übergabe von Crew an Technik erfolgt ist und die Piloten sich vom Acker machen können. Und selbstredend sind wir als Handling Agent dafür verantwortlich, all das Genannte zu koordinieren.

Ich bin heute Ramp Agent für die Maintenance-Kiste, der Rest der Rampen kümmert sich um den Fußball und ein Kollege besetzt das Ops. Sobald meine Maschine im Anflug ist, fahre ich raus zur Position und rufe parallel schon mal bei der Technik an und gebe Bescheid, dass sie den verantwortlichen Repräsentanten so langsam mal raus schicken können. Als ich selber dort ankomme, schaue ich nach, ob eine Treppe bereit steht, eine GPU da ist und so weiter. Und ja, sieht alles gut aus. Der Zoll ist allerdings noch nicht da. Ich funke mal ins Ops und gebe Bescheid. Die Maschine, eine CRJ, kommt zum Stehen und die Tür geht auf. Die Treppe wird dran gefahren, der Techniker und ich steigen rauf. Wir begrüßen die Crew und die Technik beginnt direkt damit, ihren Kram abzuklären. Ich koordiniere in der Zwischenzeit, dass der Caterer die Atlas-Container von Bord holt (Säubern und Desinfizieren, vor Abflug mit Catering befüllen und wiederbringen bitte. Nein konkretes Abflugdatum gibt es noch nicht. Ja, Catering-Bestellung kommt noch per Mail. Alles klar, danke. Ruhigen Dienst und bis zum nächsten Mal) und sammle alle Flugunterlagen ein, die ich als Handling Agent aufbewahren muss. Dann versuche ich, aus der Crew irgendwas bezüglich ihres Aufenthaltes herauszufinden. Also der Plan ist, die beiden machen das Flugzeug fertig und fahren dann mit dem Taxi zu einem Hotel nicht weit vom Flughafen. Morgen früh fliegen sie mit einem Linienflug nach Hause. Ob sie das sein werden, die die Maschine dann wieder abholen, wenn sie fertig ist, oder ihre Kollegen, das weiß man noch nicht. Gut zu wissen.

Da die Technik noch am Inspizieren der Maschine ist, höre ich zwischenzeitlich mal nach, wo der Zoll eigentlich bleibt. Ich funke rein, aber das Ops ist aber grade im Stress. Logisch, die Fußballmannschaft ist da. Eine komplette Mannschaft inklusive Hiwis und Teil vom Vorstand durch die Sicherheitskontrolle zu bekommen, einer nach dem anderen, plus Gepäck, ist schon eine Nummer. Im GAT steht ein Security-Team zur Verfügung. Nicht, wie im Hauptterminal, 6 Spuren mit jeweils 5 Leuten. Nein, ein Band, ein männlicher und ein weiblicher Security. Das wars. Normalerweise reicht das. Wie wir wissen, befinden sich auf einem durchschnittlichen Privatflieger 2 Gäste plus 2 Crew. Aber heute dauert das eben etwas länger. Und da die ganze Mannschaft mit ihrem eigenen Mannschaftsbus zum Flieger fahren will, muss auch der komplette Bus durchsucht werden, bevor er in den Sicherheitsbereich einfährt. Mit einer Horde Passagiere im Nacken, die keine Lust haben zu warten, und einem Linienflug, der einen festen Zeitplan hat und auf dem Vorfeld steht und nicht wirklich warten kann, ist das schon leicht stressig.
Wenn der Bus durch die Kontrolle ist und alle Passagiere da wieder eingestiegen sind, muss ein Kollege den Bus mit seinem Auto bis zum Flugzeug lotsen. Das klingt zunächst einfach, aber auf dem Flughafengelände gibt es eine Menge Schranken mit Kartenleser, die sich eigentlich nur für denjenigen öffnen, der die Karte dran hält. Um nicht zu riskieren, dass die Schranke sich schließt, wenn der Bus grade drunter durch fährt, muss mit der Flughafensicherheit koordiniert werden, dass die jeweilige Schranke offen stehen bleibt. Heißt, man muss an jedem solchen Punkt anhalten, anrufen und die gucken dann mit ihren tausend Überwachungskameras, ob man wirklich da steht und dann machen sie ferngesteuert die Schranke auf. Dann gibt es auch niedrige Deckenhöhen bei Unterführungen unter Gebäudeteilen hindurch. So ein Bus ist aber ziemlich hoch. Also Umweg fahren. Und alles mit Zeitdruck. Also nicht so einfach, wie es klingt. Ich lasse die Kollegen also einfach in Ruhe und nehme mir mein Handy und rufe den Zoll an. Ich erkläre, worum es geht und frage, ob sie kommen wollen. „Wir schauen gleich mal vorbei und werfen einen Blick rein“, ist die Antwort. Ich habs befürchtet. Na gut. In der Zwischenzeit sind auch die Kollegen von der Technik soweit und die Crew würde jetzt gerne endlich ins Hotel fahren. Ich ruf schonmal bei der Taxizentrale an und bestelle einen Wagen so in 20 Minuten zum GAT. Bis dahin sollten wir hier fertig sein.

…Dachte ich. 15 Minuten später ist der Copilot in der ersten Sitzreihe in der Kabine eingeschlafen und der Captain sitzt genervt auf der Treppe. Wir warten immer noch auf den Zoll. Und wenn man wartet, sind 15 Minuten wie 15 Jahre. Man kennt das. Ich bin auch genervt, aber man kann da nichts machen. Würden wir jetzt einfach gehen, würden wir eine Ordnungswidrigkeit begehen, weil wir uns der Kontrolle entziehen. Da hilft alles nichts, außer warten und mit weiteren Anrufen nerven. Besonders ätzend ist das, wenn man weiß, dass der Zoll hier nur pro forma einmal rein schaut und weiter nichts machen wird. Es ist keine Fracht an Bord und das Gepäck von der Crew wird sie kaum interessieren. Aber, da machste nichts. Ich rufe also alle 10 Minuten an und frage nach den Kollegen und bekomme immer dieselbe Antwort: „Die sind schon auf dem Weg!“ Mhm, is klar.

Ich rufe mal bei der Bundespolizei an. Da die Crew gerade aus Westafrika eingereist ist, müssen wir bei der Passkontrolle natürlich auch noch vorbei. Ich hätte das auf dem Weg vom Flugzeug zum GAT erledigt, aber da wir hier gerade ohnehin nur unnütz herumlungern, könnte man das vielleicht schon einmal vorweg nehmen und wenn die Beamten einen sehr, sehr guten Tag und nichts zu tun haben, kommen sie auch schonmal am Flugzeug vorbei und ersparen einem den Weg zu ihrer Kontrollstelle. Einen Versuch ist es Wert. Ob sie vielleicht eine Streife zu meiner Parkposition schicken könnten, um die Passkontrolle für die Piloten hier vor Ort durchzuführen, frage ich sehr nett und höflich. Ich erkläre, dass ich mit ihnen kommen wollte, wir aber hier auf den Zoll warten müssen und ich natürlich auch nicht einfach beide ins Auto packen und zur Polizeidienstelle gefahren kommen kann, denn wir können uns nicht einfach hier wegbewegen, wenn das Flugzeug hier offen herumsteht. Ich könnte die beiden Piloten in Etappen fahren, aber vielleicht könnten sie mir ja einen Gefallen tun und hierher kommen und blaaaa.

Und ja, er tut mir den Gefallen, weil sie gerade etwas Leerlauf haben, und verspricht mir, die Streife direkt loszuschicken. Wunderbar, haben wir uns hinten raus einen Weg gespart. Ich funke den Kollegen im OPS an, es möge doch einmal einer vor die Tür treten und sollte dort schon ein Taxi warten, bitte Bescheid geben, dass es noch ein paar Minuten dauern wird. Alles klar, machen sie. Wir warten weiter. 10 Minuten gehen ins Land. Dann werden es 20.

25 Minuten später kann ich immernoch weder den Zoll noch die Bundespolizei entdecken aber dafür dreht jetzt mein Funkgerät durch.
„Sind jetzt alle durch!“ – „Ok, rufst du selber die SI an?“  – „Ja ich fahr jetzt los“  – „Ok“ – „Ich geb der Kabine Bescheid, dass ihr unterwegs seid“  – „Ja danke“ – „Schranke geht nicht auf!“ – Stille – „Is sie auf?“ – „Ja ist auf“ – „Ok“… Und so geht es in einer Tour. Die Kolonne mit dem Mannschaftsbus ist also unterwegs. Ich schließe daraus, das mein Kollege im Auto jetzt vor dem Bus Richtung Flugzeug her fährt, ein Kollege wartet schon an der Maschine und hält den Kontakt zur Crew und der Kollege im Ops koordiniert.

Jetzt kommt der Captain meiner Maschine zu mir „What’s going on“, will er wissen. „When can we leave?“ Ich erkläre ihm, dass ich mehrfach bei Zoll und Bupo angerufen habe, aber leider keiner auftaucht und ich da keinen Einfluss darauf habe. Es tut mir leid, aber wir müssen warten. Er ist not amused aber er nickt. Ihm ist klar, dass ich mich an die Regeln halte werde und ohne mich kommt er sowieso nirgendwohin. „We started at 5 this morning..“, sagt er nur müde. Ich nicke verständnisvoll. Dann schaut er über meine Schultern über das Vorfeld hinweg und ich folge seinem Blick. Auf der anderen Seite des Vorfeldes biegt gerade ein großer Reisebus mit dem Logo des Fußballvereins um die Ecke. Scheint alles glatt zu laufen da drüben. Da plärrt es aus dem Funkgerät „Jag die da weg! Die haben hier nichts zu suchen!“. Hä, denke ich mir, was denn jetzt los. Mit dem Blick suche ich das Vorfeld nach einer Maschine ab, die wohl diejenige sein könnte, und da sehe ich es: Auf einer Parkpostion am Gebäude steht eines unserer Autos vor einem Flugzeug und hinter dem Auto stehen Rad an Rad 2 Polizeiwagen, ein oder zwei Autos vom Zoll, ein PKW der Flughafenfeuerwehr und mindestens 5 Autos der Abfertigung.

Tja. KEIN WUNDER, dass bei uns niemand auftaucht. Die komplette Flughafenbelegschaft steht da hinten rum und wartet darauf, dass sie endlich die Mannschaft sehen können! Dass sie dem Bus im Weg stehen und mein Kollege Probleme bekommt, ihn vor dem Flugzeug zu positionieren, das interessiert sie scheinbar nicht. Und dass mein anderer Kollege jetzt versucht, sie von dort zu verjagen, noch weniger. Und dass hier eine Maschine seit geschlagenen 40 Minuten darauf wartet, sich ordnungsgemäß kontrollieren zu lassen, das interessiert so wenig wie ein Sack Reis in Uruguay. UN-FASS-BAR!

Ich funke meine Kollegen drüben am Flieger an und bitte darum, ein paar der Beamten bitte sofort hier rüber zu schicken Wir würden uns andernfalls bewusst sehr zeitnah von hier entfernen. Meine Crew sei gerade aus Westafrika eingeflogen und möchte gerne eine Runde schlafen gehen! Was ich eigentlich gerne noch dazu sagen würde, verkneife ich mir. Könnte ja sein, dass besagte Beamten gerade genau neben meinem Kollegen stehen und mithören. Da muss man dann bißchen aufpassen. Genauso, wenn man Passagiere im Auto hat. Es empfiehlt sich, im Beisein firmenfremder Personen, das Funkgerät auf Minimallautstärke zu haben…

Eine Minute später kommt tatsächlich der Zoll angefahren. „Sorry, dass es so lange gedauert hat. Wir waren in einer Maßnahme gebunden.“ Ah ja. Was das denn für eine Maßnahme gewesen, die 40 Minuten gedauert hat, frage ich. „War ein größerer Einsatz. Behördliche Maßnahme.“ IS klar. Ich implodiere leicht, sage dazu aber lieber mal gar nichts. Die beiden gehen an Bord, werfen einen halbherzigen Blick rein, geben mir grünes Licht und fahren mit quietschenden Reifen wieder weg. Ich schaue über das Vorfeld. Ah ja, der Bus steht immer noch da drüben. Die Mannschaft scheint wohl noch nicht komplett eingestiegen zu sein. Da kann man natürlich auch nochmal mit 100 Sachen rüber düsen und vielleicht doch noch einen Blick erhaschen. Schön, wenn man bedenkt, dass man normalerweise bei mehr als 30 KmH, die auf dem gesamten Flughafengelände maximal erlaubt sind, direkt angehalten wird…. aber is ja egal, wichtige behördliche Maßnahmen erfordern anscheinend hohe Tempolimits….

Zoll Aufnäher

Die Crew schaut dem Auto mißtrauisch hinterher. Dann schaut der Captain mich fragend an. „That was it?“, fragt er ungläubig. Ich kann nur stumm nicken. Er schüttelt nur noch den Kopf und macht sich daran, dass Insektenzeugs in der gesamten Kabine zu versprühen und macht dann schleunigst alle Türen zu. Erstmal soll das Spray alles Lebende da drin abtöten und nach ein zwei Tagen werden alle Türen aufgerissen und dann steht die Maschine erstmal eine ganze Weile offen da, um auszulüften. Vorher wird daran überhaupt nichts gearbeitet. Die Crew ist jetzt echt schlecht gelaunt und ich kann das gut verstehen.

Dann sind sie fertig und wollen fahren. Ich lasse sie einsteigen. Ich beschließe, die beiden nicht mehr warten zu lassen, sondern selbst noch bei der Bundespolizei vorbei zu fahren und sie dann zum GAT zu bringen. Und das mache ich auch.
10 Minuten später sitzt die Crew im Taxi und fährt vom Parkplatz. Ich glaube, sie sind in der Sekunde eingeschlafen, in der sie auf der Rückbank Platz genommen haben. Meine Kollegen sind auch alle wieder zurück. Der Mannschaftsbus ist leer wieder vom Gelände gelotst worden und die Passagiere mit dem Flugzeug abgehoben. Der Flughafenbetrieb geht normal weiter. Da klingelt im GAT das Telefon. Mein Kollege geht dran und ruft dann nach mir. „Die Bupo möchte wissen, wieso du dich von der Parkposition entfernt hast, wo sie sich doch angekündigt haben. Wenn die Crew jetzt schon vom Gelände ist, wäre das eine Ordnungswidrigkeit, meint der hier.“
Ich krieg gleich zuviel. Ich nehme das Telefon und erkläre dem Herrn am anderen Ende der Leitung, was hier eigentlich vorgefallen ist und dass ich niemanden der Kontrolle entzogen habe, da die Crew bei deren Dienststelle vorstellig geworden ist, nachdem NIEMAND bei mir aufgetaucht ist, wie eigentlich zugesagt, weil es ja wichtiger war, die Fußballmannschaft zu begaffen und unserer Arbeit im Wege zu stehen, als eine Passkontrolle durchzuführen! Und dann ist absolute Stille in der Leitung. Meine Kollegen starren mich an, als hätte ich gerade Klingonisch gesprochen. Dann höre ich es im Telefon rufen „Rolllfff, echt jetzt?“ und dann ruft Rolf aus dem Off, dass das schon ganz eventuell vielleicht sein könnte…
Und dann hat sich alles ganz schnell erledigt. Man entschuldigt sich bei mir und behauptet, das würde nicht mehr vorkommen und legt dann ganz schnell auf, als im Hintergrund eine Horde Beamten anfängt, Fußballlieder zu schmettern.

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