Und ne Pulle voll Rum

Cessna Grand Caravan

Es ist eigentlich ein ganz normaler Tag. Wir haben gleich eine Cessna Caravan C208 aus Prag im Handling. Ist zwar „nur“ eine Propellermaschine, es passen aber 14 Leute rein. Angemeldet waren ursprünglich mal 6 Passagiere. Die Zahl wurde dann gestern auf 13, dann wieder auf 7 und am Ende auf 14 geändert. Nun gut. Ich nehme einfach mal eine Kollegin mit, wir nehmen jeder einen Bus und gut ist und dann lassen wir uns einfach überraschen.

Also wir fahren zur Parkposition und warten, bis der Flieger on block geht. Und da kommt er auch schon angeknattert. Ich fahre als Erstes dran und wie man das eben so macht: Aussteigen, Tür auf, Kofferraum auf und dann warten, bis die Flugzeugtür aufgeht. Bei der Maschine ist die Tür nicht ganz vorne direkt hinter dem Cockpit, sondern hinten. Also praktisch hinter der letzten Sitzreihe. Sie klappt auf und mir fällt als erstes eine Flasche Bier entgegen, die auf dem Boden in tausend Scherben zerspringt. Super, denke ich. Ich hab hier den Partytrain an Start.

Ein Scherbenhaufen ist auf jeden Fall nichts, was man auf dem Vorfeld liegen haben will / soll / darf. Aber bevor ich jetzt hier irgendwelche Kehrgerätschaften an den Flieger kriege, müssen erst mal die Paxe weg. Das ist immer das Wichtigste: Paxe raus aus dem Sicherheitsbereich. Danach kann man sich um alles andere kümmern.
Und die steigen jetzt einer nach dem anderen aus. 14 sehr gut angetrunkene und bestens gelaunte Kerle so Mitte 30  im Freizeitlook und in bester Partystimmung. Als Gepäck dabei: jeder einen kleinen Handgepäckkoffer, insgesamt 6 Kästen Bier und ein paar Flaschen Rum. Gut, solange sie die selber schleppen, soll es mir recht sein.
In dem Moment rennt einer los. Einfach quer über die Platte Richtung Vorfeldrand. Ich renne hinterher und schreie, er soll sofort anhalten. Das macht er dann auch und guckt mich irritiert an. Ich frage ihn, was er sich dabei denkt, auf dem Flughafengelände einfach mal irgendwohin loszurennen. Er hat weder eine Warnweste an, noch kennt er sich aus. Er erklärt mir, dass er zur Wiese muss, pinkeln. Ich kriege die Krise. Man kann nicht einfach auf dem Flughafen auf irgendeine grüne Fläche pinkeln. Aber er will sich nicht aufhalten lassen und läuft einfach weiter von mir weg, auf die Wiese und legt los. Ich muss ihn im Auge behalten, ob ich das will oder nicht. Da wo er steht, hat er nichts zu suchen, und wenn die Vorfeldkontrolle das sieht, dann kriege ich den Ärger. Ich hasse so was. Ich hasse Paxe und Crews, die meinen, sie müssten nicht die 3 Minuten bis zum GAT abwarten, sondern strullern einfach mitten auf die Vorfeldplatte. Ja sind wir denn Primaten oder was ist los?
Als er dann fertig ist und mich überheblich angrinst, „geleite“ ich ihn zurück zum Flugzeug, wo der Rest der Meute zwischenzeitlich ihr ganzes Bier in die Kofferräume verladen hat, und dann fahren wir los. Toll. Das ganze Auto voller betrunkener Kerle. Unangenehm.
Meine Kollegin guckt auch schon etwas schief. Aber da müssen wir jetzt durch. Los geht die Fahrt zum GAT. Mein Auto ist voll besetzt, die ganze Mannschaft singt irgendwelche Schlager und will mich animieren, mit feiern zu gehen. Ein schlechter Spruch jagt den nächsten, die eine oder andere furchtbare Anmache ist auch dabei, ich bin übelst genervt und man merkt, die Herren fühlen sich wie die Könige. Klar, mit 6 Kästen Bier im Kofferraum ist man auch unbesiegbar. Am GAT lasse ich alle aussteigen und bekommen sogar ein Trinkgeld: Ein mini Jägermeister. Ich kann mich kaum halten vor Freude.

Ich packe noch schnell Kehrbesen und Kelle ein und rufe den VVD an. Er kriegt von mir die Info, dass da hinten Scherben auf der Parkposition liegen und ich die gleich weg machen werde. Man muss solche Dinge immer sofort melden, denn hier ist all so was ein Sicherheitsrisiko. Tut man es nicht, kriegt man hinterher den Ärger.
Der VVD sagt mir aber, er kümmert sich selber drum. Auch gut.
Ich fahre jedenfalls wieder zurück und gucke mal, was der Pilot so braucht. Der ist allerdings ziemlich nett. Er gehört zur Gruppe dazu, will sich aber mit dem Trinken zurückhalten. Sie bleiben eine Nacht zum Feiern in der Stadt, sagt er mir. Heißt, er muss morgen wieder fliegen und daher fit sein. Die Gang wird im GAT auf ihn warten und dann fahren sie zusammen in die Innenstadt. Ich organisiere ihm einen Tanker, kläre mit ihm das Enteisungsverfahren hier am Flughafen für den Fall, dass es bis morgen früh gefriert und ein paar Sachen bezüglich der Mineralölsteuer. Dann noch ein paar Rechnungsfragen und dann bringe ich ihn zum GAT.

Am nächsten Tag bin ich wieder im Dienst. Und wie ich da so im Ops herumlungere, geht die GAT-Tür auf: Herein kommt – man kann es nicht anders sagen – ein verlotterter Haufen Schnapsleichen. Rote Augen, wirre Haare, ich kann ihnen den Kopfschmerz bei jedem Schritt ansehen. Und eine Dunstwolke… Oh mein Gott!

leere Bierflaschen

Ich muss innerlich grinsen. Geschieht euch Recht, denke ich mir. Keine Sprüche mehr, keine Lieder mehr, kein Leben mehr. Nur der Pilot sieht aus wie das blühende Leben. Er kommt zu mir, die Augen rollend, aber auch grinsend, bezahlt seine Rechnung und will dann raus. Erst mal enteisen. Der Rest soll im GAT warten, bis der Flieger fertig ist. Er hat keine Lust auf einen verkaterten Haufen Leute am Flugzeug, wenn er arbeiten muss. Als das Flugzeug fertig ist, fahre ich zum GAT zurück, um die Passagiere einzusammeln. Ein müder Haufen schleppt sich mir entgegen. Ich bringe sie zusammen mit einem Kollegen mit einem weiteren Auto zum Flieger und setze sie ab. Die Autofahrt geht dermaßen ruhig vonstatten, sodass ich mich zwischenzeitlich im Rückspiegel vergewissern muss, ob die Menschen dahinten noch leben.

Als wir am Flieger ankommen, lasse ich alle aussteigen. Bevor die Flugzeugtür zu geht, strecke ich meine Hand mit dem Jägermeister gut sichtbar in den Innenraum. Ob sie den als Unterwegszehrung mitnehmen möchten, frage ich sie. Sie sollten sich doch nur mal den leckeren Geschmack von Jägermeister vorstellen. Ach ja, und wegen der anstehenden Turbulenzen sollten sie sich keine Sorgen machen. Dann mache ich die Flugzeugtür zu.

3 Gedanken zu “Und ne Pulle voll Rum

  1. Rainbowlove 19. Februar 2018 / 00:19

    Schöne, lustige und gut geschriebene Geschichten machst Du da!

    Liken

    • arampagentslife 19. Februar 2018 / 07:21

      Freut mich, dass sie dir gefallen!

      Liken

  2. Angela sau-saugut 25. März 2018 / 17:07

    😂 genau richtig gewesen, ihnen den Spruch 🍾 mitzugeben. Hoffentlich ist es ihnen bei dem Gedanken auf Jägermeister schön schlecht geworden. 😂🤪

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s