Nullte Welt Probleme

GLEX
Global Express GLEX (Foto: Die Autorin)

Es ist später Nachmittag und ziemlich heiß. Mir läuft schon jetzt der Schweiß und das wird die nächsten Stunden nicht besser werden. Wer schonmal bei brüllender Hitze einen aufwändigen Flieger abgefertigt hat, weiß, wovon ich rede. Auf dem Vorfeld gibt es keinen Sonnenschutz. Man kann sich nicht einfach unter irgendein Dach stellen, weil es auf der offenen Platte an den Parkpositionen natürlich keine Dächer gibt. Man kann auch, vor allem bei kleineren Maschinen, nicht die ganze Zeit an Bord herumlungern, weil man da meistens nur im Weg steht. Und man kann sich auch nicht die ganze Zeit ins Auto setzen und der Crew zuschauen, weil das nicht die Aufgabe eines Ramp Agenten ist. So oder so, durch die pralle Sonne im Sommer muss man durch. Gehört halt zum Job. Und ich hab gerade einen arabischen Ambulanzflug outbound am Start. So ein Flug dauert.

Es geht um einen Patienten, der Mitglied irgendeiner arabischen Königsfamilie ist, wenn ich das richtig verstanden habe. Also wird das hier kein normaler Flug mit Krankenwagen zum Flugzeug, Patient rein und auf Wiedersehen, ne. Er kam vor einiger Zeit mit seiner Familie hierher, um sich in einer Fachklinik behandeln zu lassen. Jetzt soll er wohl wieder nach Hause geflogen werden. Er ist stabil aber liegend. Aber Patient ist Patient. Sollte man meinen. Hauptsache er kommt schnell nach Hause, egal wie. Tatsächlich sieht es selbstverständlich aber etwas anders aus. Geflgogen wird heute mit einem Global Express, mitfliegen sollen zusätzlich zum Patienten 2 Familienangehörige und 2 Medcrew (Arzt und Helfer), 2 Piloten im Cockpit und eine Flugbegleiterin in der Kabine. Damit ist ein solcher Flieger noch nicht voll aber der Stretcher, auf dem der Patient liegen wird, die zwei Sitze für Arzt und Rettungsassistent und die Gräte, an die er angeschlossen ist, nehmen den kompletten vorderen Teil der Kabine ein. Im hinteren Teil gibt es eine Sitzecke, bestehend aus 4 Sesseln und einem Tisch sowie einem Sideboard und Sofa.
So weit, so gut. Die Crew habe ich vorhin schon raus zum Flugzeug gebracht und bin dann nochmal rein gefahren, um das Briefing und ein Wetterupdate für die Piloten abzuholen. Getankt haben wir bereits und auch sonst sollte alles soweit erledigt sein. Wir warten derzeit nur noch auf den Caterer und die Futterlieferung. Uns bleibt etwa eine Stunde, bis der Krankenwagen mit der Medcrew ankommen soll und die Begleiter des Patienten werden separat von der arabischen Botschaft zum Flughafen gebracht. Bitte fragt mich keiner, wieso. Specialservice halt.

Ich fahre zum Flugzeug zurück und gehe an Bord, da drin herrscht reges Treiben. Ich reiche zuerst den Papierkram ins Cockpit und gehe dann nach hinten durch die Kabine durch. In dieser Maschine ist die Galley, also die Bordküche, ganz hinten. Was völlig unpraktisch ist, weil man immer erst durch die ganze Kiste laufen muss, um irgendwas dahin zu bringen. Wenn man dreckige Schuhe an hat oder etwas trägt, was tropft, kommt das für den zumeist hellbeigen Teppichboden weniger gut. Ich frage die Flugbegleiterin mal, ob sie noch was braucht, aber außer dem Catering ist sie soweit ok. Da das aber noch nicht angekommen ist, wird sie langsam nervös. Ich funke mal das Ops an, ob die was wissen. „Ist auf dem Weg“, sagt man mir. Na gut, ich gebe die Info weiter und sie fährt fort, Kissen zu beziehen und Blumen in Vasen neu zu drapieren. Dann klopft es vorne und das Catering ist da. „Can you stay and help?“, fragt sie mich „I ordered just a little bit more. Just to be safe“. Oh mein Gott.

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Ich gehe nach vorne zur Tür und begrüße den Catering-Lieferanten. Man kennt sich ja. Die Galley ist hinten, erkläre ich ihm und er seufzt. Also längere Laufwege für ihn. Aber ich sage ihm, dass ich helfe und schlage vor, dass er die Sachen aus dem Auto holt, sie mir angibt und ich sie nach hinten durch trage. Dann wieder nach vorne komme und so weiter. Er sieht erleichtert aus. Und so machen wir es dann.
Er geht zum Auto und holt den ersten Stapel Trays, also durchsichtige Plastiktabletts voller schön angerichtetes und dekoriertes Essen mit Deckel. Man kann sehen, was drin ist, und das Essen ist dennoch durch den Deckel geschützt. Die Teile sind in der Allgemeinen Luftfahrt Standart. Es ist dann der Kabinencrew überlassen, ob sie das Essen auf dem flugzeugeigenen Porzellan anrichtet oder das Tray so auf den Tisch stellt, wie es ist. Nur sperrig sind die Teile und der Deckel verrutscht leicht, wenn man nicht aufpasst. Der erste Stapel besteht aus Sandwiches mit verschiedenen Belägen. Um die 20 Stück. Das alleine würde für die 7 Personen an Bord reichen. Weiter geht es mit einem Stapel Trays voller belegter Baguettes. Also quasi dasselbe wie vorher, nur in einer anderen Form. Ich stelle den Stapel hinten ab und laufe wieder nach vorne. Als nächstes schleppe ich einen Stapel gefüllte Croissants durch das Flugzeug. Die Flugbegleiterin hat schon jetzt Platzprobleme. In Flugzeuggalleys herrscht immer Platzmangel. Irgendwie sind die für viel Essen einfach nicht ausgelegt. Der Stauraum fehlt. Aber ich mache mir keine Gedanken. Ich habe schon sehr viele Flugbegleiterinnen äußerst kreativ werden sehen, wenn es darum geht, Essen zu verstauen. Und wenn es unter dem Sofa sein muss, alles wird irgendwie untergebracht.

Der Caterer gibt mir einen weiteren Stapel Trays an und ich stelle ihn auf dem Tisch ab. Die Flugbegleiterin ist noch am Sortieren. Ich laufe noch ein paar mal nach vorne und hinten, dann haben wir 8 Sixpacks Wasser und noch ein paar Flaschen verstaut. Weiter geht es mit diversen Boxen voller Soßen und Dressings. Mir ist so heiß und der Schweiß läuft mir den Rücken runter. Die APU läuft zwar, aber wirklich kühl wird es in der Kabine nicht, weil die Tür ja offen steht. Jetzt habe ich auch keinen Platz mehr zum Abstellen und muss warten. Die Sandwiches kommen jetzt erstmal auf den Tisch und auf die Sofalehnen. Die Wasserflaschen kommen unter die Sitze. Ich stelle die Boxen auf den Boden im Gang ab und gehe wieder nach vorne zur Tür. Der Captain steht vor dem Cockpit im Gang, beobachtet das Schauspiel und schüttelt den Kopf. Ich weiß, was er denkt. Das gleiche wie ich.

Mit einem Stapel Aluschalen kehre ich nach hinten zur Galley zurück. Da drin sind die warmen Essen (also aktuell kalt), die in Ofen oder der Mikrowelle aufgewärmt werden müssen. Auch davon hat die Flugbegleiterin offensichtlich bestellt, als gäbs kein morgen. Dabei waren schon die Sandwiches zuviel des Guten. Selbst Mitglieder von Königsfamilien können nicht mehr Essen, als normale Menschen. Vor allem, wenn ihr Sohn oder Neffe oder was auch immer nebendran auf einem Stretcher liegt. Aber ich kann mich auch irren…

Catering RJ
Fotos: Die Autorin

Catering RJ2

Die Aluschalen muss die Flugbegleiterin erstmal sortieren. Das macht sie auf dem Sideboard, da in der Galley absolut kein Platz mehr ist und auf dem Boden auch nicht. Ich gehe mal nach vorne zur Tür und frage nach, wie die Lage cateringtechnisch so ist. „Noch ein paar Trays und Boxen“, ist die Antwort. Mhm.
Ich gehe wieder nach hinten und frage die Dame, wohin mit dem Zeug. Sie schaut mich ratlos an. „Just put it here“, sagt sie und zeigt in irgendwelche Ecken, in denen KEIN PLATZ IST! Ich gehe zur Tür, nehme den nächsten Stapel an und stelle ihn auf irgendeinen anderen Stapel oben drauf. Mir doch egal. Noch zwei Mal laufe ich hin und zurück und dann war es das endlich. Noch 15 Minuten bis zum geplanten Abflug und das Essen ist noch immer nicht verstaut. Ich setze mich auf den Stretcher und schaue zu, was die Dame da hinten treibt. Ich komme ohnehin nicht mehr durch, der Gang steht voller Essen. Sie stopft und stopft, und so langsam lichtet sich das Dickicht.

Wie schon so oft staune ich maßlos über diese Fähigkeit der Flugbegleiter, viel zu viel Zeug in viel zu wenig Platz zu räumen und zwar so, dass ein Gast NICHTS davon sieht. Man muss allerdings sagen, dass die Mengen an Essen, die ich hier heute durch das Flugzeug getragen habe, schon Seltenheitswert haben. Die meisten Flüge mit Passagieren haben Essen an Bord. Ein Frühstück für den Gast oder ein Abendessen, gerne auch mal zwei Varianten, ja klar, das ist normal und für mein Empfinden auch nicht übertrieben. Gutes Essen ist nunmal wichtig für einen gelungenen Flug. Heißt: Essen, ja. Viel Essen, auch. Aber dermaßen übertrieben viel Essen habe ich in meinen fünf Dienstjahren bisher nur selten gesehen. Das muss ich schon sagen. Es ist Essen in den Schränken, es ist Essen unter den Sitzen, es ist Essen in def Garderobe, es ist Essen im Gepäckraum und es ist Essen im Kloschrank. Aber nichts davon ist auf den ersten oder zweiten Blick sichtbar. Die Gäste kriegen nichts mit, weil sie gar nicht auf die Idee kommen, dass sie auf Sandwiches sitzen könnten.

Der Captain kommt nach hinten. „Ready for the patient?“, fragt er nur. Die Flugbegleiterin, die gerade noch in ihre Sortierungen vertieft war, schreckt hoch. „What patient?“, sagt sie verwirrt. Dann fragt sie ihn, ob sie ein bißchen Essen im Cockpit unterbringen darf. Der Captain schüttelt den Kopf und schaut mich an „You see what our problem is here? We care more about the food than the patient. First world problems. No, more zeroth world problems. Ts ts ts“. Dann seufzt er, nimmt einen Stapel eingepackter Sandwiches und stopft sie hinter seinen Pilotensitz.

In dem Moment kommt es über Funk, ich soll kommen und die Begleiter abholen. Die Botschaft hat sie gerade am GAT abgesetzt und auch der Krankenwagen ist eben eingetroffen. Ich gebe der Crew Bescheid, hole mir das OK vom Captain, dass ich die Passagiere bringen darf und fahre los. Kurz darauf bin ich mit den Begleitern am Flugzeug zurück, zeitgleich mit dem Krankenwagen. Es dauert eine ganze Weile, bis der Patient und das ganze Gepäck (Unmengen an übergroßen Designerkoffern) verladen sind, dann ist endlich alles startklar. Ich checke nochmal kurz im Cockpit ab, ob alles ok ist. Der Captain bedankt sich bei mir und drückt mir eine große Tüte in die Hand. „Do me a favor. Take this. It’s just a waste“. Ich weiß genau, dass da drin unter anderem die eingepackten Sandwiches sind und ich weiß auch, dass die Flugbegleiterin nichts davon weiß. Und wir beide wissen, dass die Sandwiches am Ankunftsort im Müll landen würden. Ich nicke und bedanke mich und gehe von Bord. Eine halbe Stunde später habe ich alle meine Kollegen, die Schicht an der Security, den Taxifahrer vor der Tür, zwei im GAT herumsitzende Piloten und mich selbst mit Essen versorgt und gehe in den Feierabend.

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Ein singender Sack voll Flöhe

Weiße Blumen

Es ist ein schöner und warmer Nachmittag und ich bin im normalen Tagesdienst eingeteilt. Gerade bin ich mit der Abfertigung einer Falcon900 beschäftigt, die in einer Stunde mit fünf Passagieren Richtung Cannes abheben will. Ich weiß zwar nicht, wer die Passagiere sind, aber angesichts der Menge und Qualität des Caterings, das der Caterer soeben an Bord geschleppt hat, muss es entweder jemand sehr wichtiges sein, oder jemand, der einfach mal aus Spaß alles bestellt hat, was es so zu essen gibt. Allerdings sind auch einige Gerichte in „small size“ und mit „fries and nuggets“ dabei. Ich denke, wir werden mindestens ein Kind an Bord haben. Aber für mich macht das wie immer keinen Unterschied, ob ich jetzt fünf Kinder oder fünf Erwachsene zum Flugzeug bringe. Von daher frage ich nicht groß weiter nach. Eigentlich läuft alles soweit gut, da wird die Flugbegleiterin auf einmal nervös. Sie liest auf ihrem Handy, wahrscheinlich hat sie eine Nachricht bekommen. Dann schaut sie auf ihre Uhr und dann auf mich. „I need your help!“

Ich weiß schon, was jetzt kommt. Ein spontaner Request der Gäste oder irgendeine Info ist bei der Kommunikation zwischen der Flugbegleiterin und ihrem Ops verschütt gegangen. Auf jeden Fall ist es etwas, was an Bord sein muss und von der Flugbegleiterin vorab nicht bei uns oder beim Caterer bestellt wurde. Und jetzt kriegt sie Panik.
Ich nicke ihr beruhigend zu. Meistens lassen sich solche Probleme immer noch lösen, sofern genug Manpower im Dienst ist und sofern Geld beim Kunden kein Rolle spielt.
„I need a flower bouqet“, beginnt sie. Soweit so gut. Einen nah gelegenen Blumenladen haben wir an der Hand. Aber ich weiß, dass das nicht alles ist. Denn es geht zu 100% um ganz spezielle Blumen oder zumindest Farben, die die Gäste verlangt haben. Sie fährt fort: Es muss ein Gesteck sein, kein Strauß, etwa soundsogroß, zeigt sie mir mit ihren Händen. Weiße Blumen. Am besten Lilien oder Rosen. Die dürfen aber nicht zu stark riechen, die Gäste bekommen sonst Kopfschmerzen. Ah ja. Logisch… ich schaue sie schräg an und sie verdreht die Augen. Wir sind einer Meinung. Ist das alles, will ich wissen, oder ob wir noch weitere Dinge beachten müssen. Sie schüttelt erleichtert den Kopf. Schon an der Tatsache, dass ich das nachfrage, merkt sie, dass zumindest noch eine Chance besteht, das Ding zu besorgen. Ich sage ihr, dass wir es versuchen, aber ich nichts versprechen kann. Das reicht ihr.

Ich gebe über Funk ins Ops bescheid und sofort wird der Azubi losgeschickt, die Blumen gemäß Anweisung zu besorgen. Der Kollege ist männlich und ohne Ahnung von Blumen, daher wird ihm der Unterschied zwischen Strauß und Gesteck genauestens beschrieben. Wenn dem Gast das so wichtig ist, dann müssen wir uns dran halten. Er macht sich auf den Weg. Etwa eine halbe Stunde später ist er zurück und bringt uns die Blumen raus ans Flugzeug. Das Gesteck ist wirklich schön und recht pompös, die Flugbegleiterin mustert es kurz, bedankt sich herzlich bei uns und drapiert das Teil dann auf ein Sideboard in der Kabine. Und dann sind wir ready for the passengers. Ich checke kurz mit der Crew, ob noch irgendetwas fehlt. Nein, nichts fehlt und der Captain kommt mit mir und wir fahren zusammen ins GAT, um dort auf die Passagiere zu warten.

Höchst vorbildlich positionieren wir uns vor dem Haupteingang und warten. Auf eine Limousine, einen Van oder sonst irgendein Gefährt, das 5 Personen absetzt, die nach Cannes fliegen wollen. Ich unterhalte mich mit dem Captain und dann fagt er mich, ob ich die Paxe schonmal hatte und wüsste, ob sie einfach oder kompliziert sind. Dass ich keine Ahnung habe, wer die Paxe überhaupt sind, antworte ich und er schaut mich an. Ob wir keine Vorabinfo bekommen hätten? Nö. haben wir nicht. Er nennt mir den Namen einer R’n’B Sängerin, die jeder Mensch auf dieser Welt kennt, der zwischen 1990 und 2007 oder so ein Radio besessen hat. Früher war sie echt top. Was sie heute macht, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Wahrscheinlich singt sie noch immer. In 5 Oktaven. Aber auf jeden Fall fliegt sie heute mit ihrem Ex-Mann und ihren zwei Kindern (ich glaube, es sind Zwillinge) und der Nanny nach Cannes. Toll, jetzt habe ich wirklich Angst vor dem Gepäck. Ich fürchte Massen an Koffern und Tüten und bin froh, dass zwei meiner Kollegen, die mit mir im Dienst sind, in diesem Moment nicht woanders gebraucht werden und Zeit haben. Sie können mir also helfen.
Und kurz darauf fährt tatsächlich ein Van vor. Die Tür geht auf und zwei kleine Kinder springen heraus. Ein Junge und ein Mädchen. Danach stakst eine Frau auf unfassbar hohen Plateauhigheels aus dem Van und da ich sie nicht kenne, schließe ich daraus, dass das die Nanny ist. Wie man auf solchen Hufen ordentlich nannyen kann, ist mir schleierhaft. Hinter ihr erscheint dann der Kopf der Dame, die jeder kennt, und sie sieht auch genauso aus, wie man sie im Fernsehen sieht. Blonde, lange perfekt geföhnte Haare und ein Körper, für den das Kleid, das sie trägt, zwei bis drei Nummern zu klein ist. Ich habe keinen Schimmer, wie sie es schafft, darin zu atmen. Oder zu gehen. Aber immerhin, sie nimmt mich und den Captain zur Kenntnis, und das nicht unfreundlich. Danach folgt der Ehemann oder Ex-Mann oder wie auch immer und ich gehe mal direkt an den Kofferraum, um mich um das Gepäck zu kümmern. Es ist schon einiges, aber es ist machbar.

Meine Kollegen und ich bringen alles zur Sicherheitskontrolle, lassen durchleuchten und laden den Kram in unseren Van. Die Passagiere und der Captain folgen. Die Kontrolle gestaltet sich jedoch als schwierig, weil:
1. die Kinder wild in der Gegend herumrennen und keiner der drei Erwachsenen sie unter Kontrolle hat
2. die Sängerin in ihrem Kleid und den Highheels kaum laufen kann und die wenigen Meter durch das GAT und die Kontrolle nur sehr, sehr langsam zurückgelegt werden
3. die Nanny auf ihren Schuhen auch nicht vorwärts kommt und das ganze darum nochmal länger dauert

Eine Vorstellung im Kabarett ist nix hiergegen. Endlich sind alle durch und die Kinder springen schon in den offenen Van. Mutter und Vater wollen eigentlich folgen und die Nanny will auch mit rein, aber leider ist dann kein Platz mehr drin, weil die Kinder sich über die kompletten 3 Plätze der hinteren Sitzreihe breit machen und die mittlere Sitzreihe voller Tüten und Taschen steht. Wir haben noch einen zweiten Van, der auch mitfahren kann, biete ich an. So können sich alle auf zwei Vans verteilen und haben mehr als genug Platz. Und die Strecke vom GAT zum Flugzeug beträgt keine 3 Minuten. Das sollte wohl machbar ein. Nein, das will man nicht. Die Nanny soll mit den Kindern fahren, die Kindern wollen, dass die Mama auch mitfährt, Platz wollen sie aber keinem von beiden machen. Die Tüten sollen aber auch da bleiben, wo sie sind. Dem Vater ist alles egal. Der chillt vorne im Sitz.

Ja jut, denke ich mir. Ich hab Zeit aber das wird langsam albern. Am Ende wollen sie es folgendermaßen machen: Die Kinder bleiben hinten sitzen, die Mama quetscht sich daneben, die Tüten bleiben in der Mitte, der Papa sitzt vorne und die Nanny steht an der Tür …..

Als würde ich mit dem Auto auch nur einen Meter weit fahren, während eine wackelige Nanny auf 14 Zentimetern oder so halb gebückt im Wagen steht! Ich teile den Gästen höflich mit, dass ich leider nur dann fahren darf, wenn alle sitzen. Sie nehmen das ohne Diskussion hin und dann geht es wieder von vorne los. Selbst der Captain kriegt langsam die Krise und ist schon bereit, in einem einzelnen Auto hinterher zu fahren, sollte das anders nicht möglich sein.
Aber was sag ich. Es dauert nur noch fünf (!) Minuten, bis man sich auf eine Sitzordnung geeinigt hat und dann nochmal zwei Minuten, bis die Damen mit ihren Schuhen in den Bus geklettert sind und die eine Dame braucht dann nochmal eine ganze Minute, um sich gaaaaanz langsam hinzusetzen, ohne dass das Kleid reißt. Die Nanny versucht die Kinder in Zaum zu halten, die herumschreien und im Auto toben und partout weder auf sie noch auf die Mutter hören wollen. Bis der Papa anfängt, zu singen. Da singen die Kinder mit und die Mutter auch und auf einmal herrscht Harmonie im Auto. Ist ganz nett. Ich komme mir vor, wie der Chauffeur eines singenden Sack voll Flöhe. Und ein privates Ständchen einer der erfolgreichsten Sängerinnen der Welt ist jetzt auch nichts, was man so jeden Tag bekommt.

Falcon900
Falcon F900 (Foto: Die Autorin)

Wir kommen am Flugzeug an. Aussteigen und ins Flugzeug einsteigen dauert wieder sehr lange, aber was solls. Es ist ja ihre Reise, nicht meine. Ich behalte die Kinder genau im Auge, denn ich traue ihnen durchaus zu, dass sie einfach mal losrennen und den ganzen Flughafen lahmlegen. Einfach weil sie es können. Aber es passiert nichts. Wir verstauen das Gepäck und ich nehme auf das OK vom Captain hin schonmal die Chocks vor dem Fahrwerk weg. Dann warte ich, bis die Tür sich schließt. Aber es dauert und dauert. Und dauert.
Komisch, denke ich mir. Was treiben die da? Es dauert so lange, dass ich doch nochmal die Treppen zur Flugzeugtür rauf steige. Normalerweise macht man das nicht. Man betritt als Ramp Agent das Flugzeug nach der Ankunft erst dann, wenn die Passagiere ausgestiegen und weggefahren sind. Bei Abflug betritt man die Maschine nicht mehr, sobald die Passagiere an Bord sind. Es wäre dann so, als würde man ein fremdes, privates Wohnzimmer betreten. Oder sich einfach in ein fremdes Auto setzen, ohne dazu eingeladen worden zu sein. Man macht das nicht. Darum ist das, was ich jetzt mache, eine Ausnahme. Aber es tut sich schon so lange nichts, dass ich denke, dass irgendwas nicht stimmt. Ich gehe also ganz leise und vorsichtig die Treppe rauf und gucke erstmal nach links ins Cockpit. Die beiden Piloten haben bereits beide Headsets auf und sind am Funken, was bedeutet, dass sie fertig zum Losrollen sind. Also gibt es wohl im Cockpit kein Problem. Dann schaue ich vorsichtig nach rechts in die Kabine und sehe, wie die drei erwachsenen Passagiere heftig am diskutieren sind. Und die Flugbegleiterin steht etwas ratlos daneben. Und ja, es geht um die Sitzplatzverteilung. Das Flugzeug verfügt über 12 Sessel plus ein Sofa. Und trotzdem kann man sich über die Sitzordnung nicht einig werden, denn die „Hausherrin“ gewissermaßen muss auf dem Sofa liegen. Ja. Sie muss liegen. Sie kann in ihrem Kleid nicht lange sitzen. Darum muss die Nanny mit den Kindern vorne in den Sesseln sitzen. Das will der Mann aber nicht, da er mit den Kindern sitzen will und zwar ohne die Nanny. Es ist unfassbar. Und während die Erwachsenen vorne am streiten sind, sehe ich, wie die beiden Kinder hinten in der Kabine am Sideboard stehen, und in aller Seelenruhe das Blumengesteck auseinander pflücken. Ich steige, so leise wie ich gekommen bin, wieder die Treppe runter und bin weg.

Taschengeld

Aktenkoffer

Es ist mal wieder spätabends und ich bin schon alleine. Alle Kollegen sind bereits nach Hause gegangen. Macht aber nichts, ich erwarte ohnehin nur noch eine Ankunft. Die Maschine soll in einer halben Stunde reinkommen und ist mir bisher nicht bekannt. Genauso wenig wie die Stadt, aus der die Maschine einfliegt. Noch nie gehört. Könnte irgendwo in Südamerika liegen oder auch in Zentralafrika oder Indonesien von mir aus. Das Flugzeug ist VQ-registriert, also Richtung Bermudas oder Barbados oder da in der Ecke offiziell gemeldet. Das heißt aber nicht, dass der Besitzer auch von dort kommt oder die Maschine tatsächlich dort ihre Basis hat. Viele Flugzeugbesitzer (auch Deutsche) fliegen beispielsweise in M-registrierten Maschinen umher (Isle of Man) oder gerne auch mit VP-Kennzeichen (Bahamas, Bermudas, Cayman Islands und so weiter). Warum das so ist, kann man sich denken. Die Maschine heute ist VQ-registriert, eine Gulfstream 6, und fliegt privat. Also keine Chartermaschine oder Teil einer gewerblichen Flotte, sondern einfach ein privates Spielzeug von irgendjemandem. Und eine riesen Kiste noch dazu. 19 Passagiere würden rein passen. Zwei sind aber nur inbound an Bord angemeldet.
Laut Handling Request benötigt das Flugzeug nach der Landung Toilettenservice, Frischwasser und für die drei Crew-Mitglieder einen Transport ins Hotel in die Innenstadt. Zwei Nächte will die Maschine hier stehen bleiben, dann ist Abflug geplant. Ich bestelle also Toilette und Wasser bei der Flughafenabfertigung für 10 Minuten nach Landung und den Crew- Transport bei unserem üblichen Dienstleister für ca. eine Stunde später. Danach mache ich mich fertig, um rauszugehen und die Maschine anzunehmen. Da hält eine Limousine vor der GAT-Tür. Das wird wohl der Abholer für die zwei Gäste sein. Läuft ja. Er kommt rein, so wie alle direkt mit einem fragenden Gesicht und ich informiere ihn, dass die Maschine mit den zwei Gästen in 10 Minuten am Boden erwartet wird. Er nickt erfreut, rückt seinen Anzug zurecht und setzt sich. Ich rufe die Bundespolizei an, melde zwei Passagiere in 10 Minuten am GAT zur Passkontrolle an und gehe durch die Sicherheitskontrolle nach draußen zum Auto.

Die Maschine rollt auf ihre Parkposition, die Tür geht auf, die Treppe fährt aus, ich stehe parat, mache die Autotüren und den Kofferraum für die Gepäckmassen auf, die da kommen mögen, und warte darauf, dass jemand aussteigt. Mindestens zwei Minuten lang tut sich aber gar nichts und der Captain, der oben an der offenen Tür steht, bedeutet mir, dass es gleich weitergeht. „Luggage?“ forme ich mit meinen Lippen und zeige nach hinten zum Laderaum. Er schüttelt den Kopf. Ich wundere mich, aber schließe den Kofferraum und stelle mich wieder neben die Autotür und warte.

Eine Gulfstream mit so einer Strecke hinter sich hat normalerweise entweder eine riesen Menge aufzuräumen (wenn sie mit Flugbegleiter/in fliegt und die Gäste an Bord bewirtet und betüttelt werden und darum eine große Menge an Abfall, Abwasch und Unordnung entsteht) oder überhaupt nichts (wenn die Besitzer genügsam und der Meinung sind, sie können sich auch selber mal eben einen Kaffee machen und werden einen Flug auch ohne Festmahl und Flugbegleiterin überleben). Ich tippe hier auf Ersteres, da ich dem Handling Request entnommen habe, dass nicht nur zwei Piloten, sondern insgesamt drei Crew an Bord sind. Wer sich auf seinem privaten Flugzeug eine Flugbegleiterin anstellt, der will rundum versorgt werden und der wird auch nichts selber aufräumen und dem ist es egal, wie es hinterher aussieht. Was bedeutet, die Crew braucht nach dem Flug länger Zeit, bis sie fertig sind mit allem. Darum habe ich den Crew-Transport auch erst für eine Stunde nach Ankunft bestellt. Für richtiges Timing hilft einem nur die Erfahrung. Ich hätte den Wagen auch für direkt bestellen können. Aber dann berechnet der Fahrer unter Umständen eine Stunde Wartezeit. Muss ja nicht sein.  Ich will also eigentlich nur so schnell wie möglich die Passagiere am GAT absetzen, damit ich mich dann um Crew und Flugzeug kümmern kann. Putzen und Aufräumen ist zwar nicht mein Job, aber man kann immer hier und da was helfen oder bringen oder doch noch spontan dies und das bestellen und vor allem schon alle benötigten Dinge und Abholzeiten für den Abflug in zwei Tagen absprechen.

Gulfstream
Gulfstream (Foto: Die Autorin)

Und da erscheinen zwei Herren in der Tür. Ein großer, massiger mit einem Stock vorneweg und ein kleiner flinker hinterher. Ich sage guten Abend und frage sie, ob sie wirklich kein Gepäck bei sich haben. Nein, bestätigen sie mir, nur einen Aktenkoffer.
Und das, wo die Maschine doch 2 Tage hier stehen bleibt, wundere ich mich. Aber gut, geht mich ja auch nichts an, woher die beiden morgen frische Unterbuchsen beziehen. Ich fahre los Richtung GAT. Kurz bevor wir ankommen erkläre ich Ihnen, dass ihr Abholer schon bereit steht und die Bundespolizei nur noch schnell die Pässe checken muss. Sie bedanken sich bei mir und als wir im Begriff sind, auszusteigen, sagt der eine zu mir „Please, we need customs“. Ich gehe davon aus, dass sie die Bundespolizei meinen, denn viele Leute sehen customs and immigration als ein- und dasselbe. Aber eigentlich bezeichnet immigration den Passcheck bei der Einreise durch die Bundespolizei und Customs ist der Zoll. Ich zeige auf die Beamten, die schon in ihrer Box sitzen und auf die zwei Gäste warten. „No, we need customs“, wiederholen sie. „Are you sure?“, frage ich, denn ich habe noch nie erlebt, dass jemand freiwillig den Zoll da haben will. Außerdem dauert das immer lange und ich muss doch zurück zur Crew. „Yes“, nicken sie, „we have cash“, und zeigen auf den Aktenkoffer. Ja gut, erkläre ich, das kennt man ja, aber es gibt irgendeine Freigrenze, die man an Bargeld problemlos einführen darf, soweit ich weiß. 10.000 aus EU-Ländern oder so? Aber der hier kommt aus einem Drittland. Wie war das noch? Aber unter 10.000 dürfte es doch ok sein. Oder?… Ähhh. Ich überlege noch und schaue ihn an. Er glotzt nur.

„Sixty Thousand“, sagt er emotionslos und zeigt auf den Koffer. Holy Moly! Ich rufe dann mal lieber doch ganz schnell den Zoll an. Und frage mich nicht mehr, woher die Herren ihre frischen Unterbuchsen beziehen. Sie kaufen sich wahrscheinlich einfach ein Kaufhaus. Der Zoll will kommen, aber es wird ein bißchen dauern, sagt man mir direkt. Die Kollegen sind momentan in „einer Maßnahme“. Ah ja. Aber abgesehen davon braucht der Zoll immer lange, um zu kommen, und gerade nachts sind die Kollegen nicht sonderlich gut besetzt, das weiß man. Und ich hätte genau deswegen lieber früher gewusst, dass wir ihn brauchen werden, denn dann hätte ich schon vor Ankunft der Maschine dort angerufen. Als Handling Agent oder auch Ramp Agent ist es immer von Vorteil, jedes noch so kleine Detail schon vorab zu wissen. Damit man eben genau solche Wartezeiten durch gute Vorbereitung vermeiden kann. Aber jetzt hilft es nichts und meinen zwei Herren hier scheint das sowieso egal zu sein. Ich bitte sie, noch ein Weilchen Platz zu nehmen und überlege, was ich jetzt mache. Ich kann die beiden nicht alleine lassen, solange der Zoll nicht aufgekreuzt ist, aber ich müsste eigentlich jetzt am Flugzeug sein und mich und mich darum kümmern. Ist sehr unzuverlässig für die Crew, wenn die ewig warten muss, bis man wieder auftaucht. Solche Situationen sind immer blöd. Aber kanns nicht ändern.

Wir sitzen jetzt zu viert herum (die zwei Passagiere, der Fahrer und ich) und der Große klopft hin und wieder aus Langeweile mit seinem Stock auf dem Boden. Da fällt mir auf, dass das gar kein Gehstock ist. Er ist aus dunklem Holz und obendrauf ist sowas wie ein durchsichtiger glitzriger Stein. Das Teil sieht aus wie der Stock von dem alten Mann aus Jurassic Park mit dem versteinerten Moskito drin oder was das ist. Nur dass kein Tier drin ist, sondern ein sehr teuer aussehender Stein. Dazu trägt er an beiden kleinen Fingern dicke Goldringe. Fehlt nur noch die Nerzschleppe, denke ich mir. Der Kleine hat die Augen geschlossen und döst vor sich hin. Jetlag, vermute ich. Den Aktenkoffer hat er mit Handschellen an sein Handgelenk gekettet und neben sich gestellt. Meine Güte. Was ist hier los.

Etwa 20 Minuten später kommt endlich der Zoll. Ich gehe vor die Tür und lasse die Herren allein. Geht mich wirklich nichts an, was die da alles in ihrem Koffer haben. Wills auch gar nicht wissen. Ein paar Minuten später kommt ein Beamter zu mir. „Wir sind jetzt fertig hier. Deine beiden Herren hier können gehen.“ Besagte Herren geben mir beide die Hand, bedanken sich mehr als höflich, verabschieden sich und steigen in ihre Limo. Bevor der Fahrer die Autotür hinter den Passagieren schließt, steckt der Große ihm eine Handvoll Scheine zu. „Bißchen“ Trinkgeld als Entschädigung für die lange Wartezeit.

Ich renne durch die Kontrolle und rase zur Maschine. Dort ist man, wie ich mir dachte, schon so gut wie fertig. Die Crew ist aber tiefenentspannt und sehr nett. Ich entschuldige mich für die Verspätung aber sie winken nur ab. „Customs, I guess?“, fragt die Flugbegleiterin. Ich nicke. Customs and forms and stamps and stuff, erkläre ich. Sie lächelt „sorry for this. Always the same, every time“, sagt sie. Aha, anscheinend beglückt er jedes Land, in das er einreist, mit einem Aktenkoffer voller Reichtum. Der Fahrer für die Crew fährt gerade mit seinem Bus neben mir vor. Gut, das klappt ja. So können wir das Crew-Gepäck direkt in sein Auto verladen und die Crew muss auch nicht mehr unnötig umsteigen, bevor er sie ins Hotel bringt. Der Captain wirft uns das Crew-Gepäck aus der Ladeluke und wir laden es in den Bus ein. Da landet ein kleiner Aktenkoffer nehmen mir, der genau so aussieht, wie der Handschellenkoffer im GAT. Und dann noch einer. Ich stutze kurz. Soll ich das jetzt einladen oder lieber nicht? Soll der hier unten sein oder nicht? Ich schaue hoch und in dem Moment steigt der Co-Pilot die Treppe runter. Er sieht die Koffer, bekommt große Augen, und brüllt dem Captain hinten im Flugzeug irgendwas zu und dann springt der Co die Treppe runter, stürmt auf mich zu, packt die beiden Aktenkoffer und trägt sie ins Flugzeug zurück. Mir kommen die Pinguine aus Madagaskar in den Sinn.

Madagascar Pinguine

Gut, also ich entschließe mich, nicht das geringste gesehen zu haben und lade weiter Crew-Koffer ins Auto. Kann ja sein, dass in den Aktenkoffern tatsächlich Akten waren und die halt einfach an Bord bleiben sollen. Und wieso der Co da so eine Panik kriegt, kann mir ja völlig egal sein. Wir sind nach ein paar Minuten fertig und die Crew auch.
Der Captain will schon die APU ausschalten, da fällt der Flugbegleiterin ein, dass sie noch einen Topf an Bord hat, den ich mitnehmen und bis zum Abflug in den Kühlschrank stellen soll. Sie hat da wohl selbstgekochtes Essen dabei und noch genug für den Rückflug über. Kein Ding, sage ich. Immerhin, die sind sparsam. Der Topf ist schwer, ob ich ihr den runter tragen kann? Selbstverständlich kann ich und steige die Treppen rauf. Ich trete in die Galley, die sich direkt vorne an der Tür befindet, nehme den Topf und will schon gehen, da fällt mein Blick auf die Kabine. Da drin siehts aus wie in einem Großwilderer-Museum. Der Boden ist mit Tierfellen ausgelegt (so Zebra- und Giraffenfelle, wie sie in Filmen immer vor dem Kamin liegen), die Sitze sind mit Seide oder Satin oder sowas bezogen, in den Getränkehaltern in den Armlehnen stehen goldene Becher und hinten auf einem Sofa stehen aufgereiht 6 schwarze Aktenkoffer. Alle angekettet an die Sofalehnen.

Giraffenfell

Gut, danke, genug gesehen. Es geht mich wirklich nichts an, aber wenn der Herr Warlord hier in jedem dieser Koffer den gleichen Inhalt transportiert, dann… steht hier Taschengeld im Wert von… äh?… 360.000 Euro. oder Dollar. Oder was weiß ich.
Aber kann schon sein, dass er das darf, da er das Geld ja nicht einführt, sondern das nur im Transit durch die Gegend fliegt, wenn es das Flugzeug nicht verlässt und auch seine nächste Station nicht innerhalb der EU liegt, was laut Handling Request auch so der Fall ist. Und er hat seinen Aktenkoffer hier ja brav angemeldet. Aber bißchen gruselig ist es hier trotzdem.

Wir haben endlich alles und die Crew sitzt im Crew-Bus, fertig zur Abfahrt. Ich kläre die letzten Details mit ihnen für den Rückflug, sie bedanken sich sehr herzlich bei mir für das Handling und dann fahren sie ab. Dann fahre auch ich zurück ins GAT. Ich trage alle relevanten Infos für den Flug in den File ein, sodass meine Kollegen, die zum Abflug der Maschine im Dienst sind, genau wissen, was gelaufen und was wichtig ist. Ich habe da nämlich meinen freien Tag. Auch die Zollsache notiere ich, damit der Ramp Agent im Dienst direkt die Crew fragen kann, ob auch für den Abflug wieder der Zoll benötigt wird oder nicht. Vielleicht wissen die ja Bescheid. Natürlich notiere ich auch, dass ein Topf bei uns im Kühlschrank lagert sowie ein paar andere Kleinigkeiten, die die Crew für den Abflug benötigt und an die wir denken müssen. Dann ist für mich Feierabend.

Als ich einige Tage später wieder zum Dienst komme, frage ich mal nach, wie der Abflug so gelaufen ist. Mein Kollege im Ops berichtet mir, dass eigentlich alles gut gelaufen ist und die Security-Kollegen an der Sicherheitskontrolle sich nicht mehr eingekriegt haben, aufgrund der Menge an Scheinen, die sich auf dem Monitor beim Durchleuchten des Aktenkoffers abgezeichnet haben (also haben die Herren es wohl nicht geschafft, alles auszugeben). Aber unsere Handling-Rechnung von 2.000 Euro hat keiner bezahlt. Hä? Wie nicht bezahlt?
Tja, also die Crew war recht knapp vor Abflug erst am Flughafen, da der Fahrer in einer Vollsperrung auf der Autobahn festsaß. Um das Ganze nicht noch zu verkomplizieren, haben meine Kollegen die Crew ein Formular ausfüllen lassen, auf dem sie Kreditkartendaten und eine Einzugsermächtigung eintragen und unterschreiben konnten. Das macht man hin und wieder, wenn  aus irgendeinem Grund keine Zeit mehr ist oder die Bezahlung gerade nicht möglich. Natürlich nur, sofern man die Bonität des Gegenübers voraussetzt. Nach dem Abflug wollte mein Kollege die Rechnung dann abziehen und siehe da: Die Karte ist nicht gedeckt. Und das Ende vom Lied: Die Maschine ward in unseren Gefilden nie wieder gesehen