In einer Maßnahme gebunden

Flugzeug in Wartung mit offenen Triebwerken

Heute ist ein stressiger, aber eigentlich gut durchgeplanter Tag. Zum einen müssen wir sehen, dass wir gleich eine komplette Bundesliga-Fußballmannschaft mitsamt ihrem Mannschaftsbus durch die Kontrolle bekommen und sie zu ihrem Flugzeug bringen (ein normaler Linienflug, daher sehr zeitkritisch) und gleichzeitig haben wir eine Maschine aus Westafrika reinkommend, die hier in die Wartung gebracht werden soll. Sie kommt daher zwar ohne Passagiere rein, aber eine Weile dauern wird das alles schon, denn ein verantwortlicher Techniker der Wartungsfirma muss die Maschine mit mir gemeinsam annehmen und mit der Crew besprechen, was gemacht werden soll. Dann muss auch der Zoll einmal seine Nase in die Kabine stecken dürfen, wenn er das will. Sollte die Maschine direkt im Anschluss an einen Linienflug mit Passagieren hierher gekommen sein, müssen auch die Catering-Trolleys von Bord und gereinigt werden und so weiter. Wenn eine Maschine in die Maintenance kommt, dauert das meistens einige Tage, bis sie fertig ist. Je nachdem, was gemacht wird. Bis dahin fangen die Essensreste da drin womöglich an, zu leben. Und das will ja keiner. Und bei bestimmten Herkunftsregionen muss insektenvernichtendes Spray einmal durch die ganze Kabine gejagt werden, damit keine Tiere eingeführt werden, die womöglich irgendwelche Krankheitserreger in sich tragen. Also es muss einiges getan werden, bevor die Übergabe von Crew an Technik erfolgt ist und die Piloten sich vom Acker machen können. Und selbstredend sind wir als Handling Agent dafür verantwortlich, all das Genannte zu koordinieren.

Ich bin heute Ramp Agent für die Maintenance-Kiste, der Rest der Rampen kümmert sich um den Fußball und ein Kollege besetzt das Ops. Sobald meine Maschine im Anflug ist, fahre ich raus zur Position und rufe parallel schon mal bei der Technik an und gebe Bescheid, dass sie den verantwortlichen Repräsentanten so langsam mal raus schicken können. Als ich selber dort ankomme, schaue ich nach, ob eine Treppe bereit steht, eine GPU da ist und so weiter. Und ja, sieht alles gut aus. Der Zoll ist allerdings noch nicht da. Ich funke mal ins Ops und gebe Bescheid. Die Maschine, eine CRJ, kommt zum Stehen und die Tür geht auf. Die Treppe wird dran gefahren, der Techniker und ich steigen rauf. Wir begrüßen die Crew und die Technik beginnt direkt damit, ihren Kram abzuklären. Ich koordiniere in der Zwischenzeit, dass der Caterer die Atlas-Container von Bord holt (Säubern und Desinfizieren, vor Abflug mit Catering befüllen und wiederbringen bitte. Nein konkretes Abflugdatum gibt es noch nicht. Ja, Catering-Bestellung kommt noch per Mail. Alles klar, danke. Ruhigen Dienst und bis zum nächsten Mal) und sammle alle Flugunterlagen ein, die ich als Handling Agent aufbewahren muss. Dann versuche ich, aus der Crew irgendwas bezüglich ihres Aufenthaltes herauszufinden. Also der Plan ist, die beiden machen das Flugzeug fertig und fahren dann mit dem Taxi zu einem Hotel nicht weit vom Flughafen. Morgen früh fliegen sie mit einem Linienflug nach Hause. Ob sie das sein werden, die die Maschine dann wieder abholen, wenn sie fertig ist, oder ihre Kollegen, das weiß man noch nicht. Gut zu wissen.

Da die Technik noch am Inspizieren der Maschine ist, höre ich zwischenzeitlich mal nach, wo der Zoll eigentlich bleibt. Ich funke rein, aber das Ops ist aber grade im Stress. Logisch, die Fußballmannschaft ist da. Eine komplette Mannschaft inklusive Hiwis und Teil vom Vorstand durch die Sicherheitskontrolle zu bekommen, einer nach dem anderen, plus Gepäck, ist schon eine Nummer. Im GAT steht ein Security-Team zur Verfügung. Nicht, wie im Hauptterminal, 6 Spuren mit jeweils 5 Leuten. Nein, ein Band, ein männlicher und ein weiblicher Security. Das wars. Normalerweise reicht das. Wie wir wissen, befinden sich auf einem durchschnittlichen Privatflieger 2 Gäste plus 2 Crew. Aber heute dauert das eben etwas länger. Und da die ganze Mannschaft mit ihrem eigenen Mannschaftsbus zum Flieger fahren will, muss auch der komplette Bus durchsucht werden, bevor er in den Sicherheitsbereich einfährt. Mit einer Horde Passagiere im Nacken, die keine Lust haben zu warten, und einem Linienflug, der einen festen Zeitplan hat und auf dem Vorfeld steht und nicht wirklich warten kann, ist das schon leicht stressig.
Wenn der Bus durch die Kontrolle ist und alle Passagiere da wieder eingestiegen sind, muss ein Kollege den Bus mit seinem Auto bis zum Flugzeug lotsen. Das klingt zunächst einfach, aber auf dem Flughafengelände gibt es eine Menge Schranken mit Kartenleser, die sich eigentlich nur für denjenigen öffnen, der die Karte dran hält. Um nicht zu riskieren, dass die Schranke sich schließt, wenn der Bus grade drunter durch fährt, muss mit der Flughafensicherheit koordiniert werden, dass die jeweilige Schranke offen stehen bleibt. Heißt, man muss an jedem solchen Punkt anhalten, anrufen und die gucken dann mit ihren tausend Überwachungskameras, ob man wirklich da steht und dann machen sie ferngesteuert die Schranke auf. Dann gibt es auch niedrige Deckenhöhen bei Unterführungen unter Gebäudeteilen hindurch. So ein Bus ist aber ziemlich hoch. Also Umweg fahren. Und alles mit Zeitdruck. Also nicht so einfach, wie es klingt. Ich lasse die Kollegen also einfach in Ruhe und nehme mir mein Handy und rufe den Zoll an. Ich erkläre, worum es geht und frage, ob sie kommen wollen. „Wir schauen gleich mal vorbei und werfen einen Blick rein“, ist die Antwort. Ich habs befürchtet. Na gut. In der Zwischenzeit sind auch die Kollegen von der Technik soweit und die Crew würde jetzt gerne endlich ins Hotel fahren. Ich ruf schonmal bei der Taxizentrale an und bestelle einen Wagen so in 20 Minuten zum GAT. Bis dahin sollten wir hier fertig sein.

…Dachte ich. 15 Minuten später ist der Copilot in der ersten Sitzreihe in der Kabine eingeschlafen und der Captain sitzt genervt auf der Treppe. Wir warten immer noch auf den Zoll. Und wenn man wartet, sind 15 Minuten wie 15 Jahre. Man kennt das. Ich bin auch genervt, aber man kann da nichts machen. Würden wir jetzt einfach gehen, würden wir eine Ordnungswidrigkeit begehen, weil wir uns der Kontrolle entziehen. Da hilft alles nichts, außer warten und mit weiteren Anrufen nerven. Besonders ätzend ist das, wenn man weiß, dass der Zoll hier nur pro forma einmal rein schaut und weiter nichts machen wird. Es ist keine Fracht an Bord und das Gepäck von der Crew wird sie kaum interessieren. Aber, da machste nichts. Ich rufe also alle 10 Minuten an und frage nach den Kollegen und bekomme immer dieselbe Antwort: „Die sind schon auf dem Weg!“ Mhm, is klar.

Ich rufe mal bei der Bundespolizei an. Da die Crew gerade aus Westafrika eingereist ist, müssen wir bei der Passkontrolle natürlich auch noch vorbei. Ich hätte das auf dem Weg vom Flugzeug zum GAT erledigt, aber da wir hier gerade ohnehin nur unnütz herumlungern, könnte man das vielleicht schon einmal vorweg nehmen und wenn die Beamten einen sehr, sehr guten Tag und nichts zu tun haben, kommen sie auch schonmal am Flugzeug vorbei und ersparen einem den Weg zu ihrer Kontrollstelle. Einen Versuch ist es Wert. Ob sie vielleicht eine Streife zu meiner Parkposition schicken könnten, um die Passkontrolle für die Piloten hier vor Ort durchzuführen, frage ich sehr nett und höflich. Ich erkläre, dass ich mit ihnen kommen wollte, wir aber hier auf den Zoll warten müssen und ich natürlich auch nicht einfach beide ins Auto packen und zur Polizeidienstelle gefahren kommen kann, denn wir können uns nicht einfach hier wegbewegen, wenn das Flugzeug hier offen herumsteht. Ich könnte die beiden Piloten in Etappen fahren, aber vielleicht könnten sie mir ja einen Gefallen tun und hierher kommen und blaaaa.

Und ja, er tut mir den Gefallen, weil sie gerade etwas Leerlauf haben, und verspricht mir, die Streife direkt loszuschicken. Wunderbar, haben wir uns hinten raus einen Weg gespart. Ich funke den Kollegen im OPS an, es möge doch einmal einer vor die Tür treten und sollte dort schon ein Taxi warten, bitte Bescheid geben, dass es noch ein paar Minuten dauern wird. Alles klar, machen sie. Wir warten weiter. 10 Minuten gehen ins Land. Dann werden es 20.

25 Minuten später kann ich immernoch weder den Zoll noch die Bundespolizei entdecken aber dafür dreht jetzt mein Funkgerät durch.
„Sind jetzt alle durch!“ – „Ok, rufst du selber die SI an?“  – „Ja ich fahr jetzt los“  – „Ok“ – „Ich geb der Kabine Bescheid, dass ihr unterwegs seid“  – „Ja danke“ – „Schranke geht nicht auf!“ – Stille – „Is sie auf?“ – „Ja ist auf“ – „Ok“… Und so geht es in einer Tour. Die Kolonne mit dem Mannschaftsbus ist also unterwegs. Ich schließe daraus, das mein Kollege im Auto jetzt vor dem Bus Richtung Flugzeug her fährt, ein Kollege wartet schon an der Maschine und hält den Kontakt zur Crew und der Kollege im Ops koordiniert.

Jetzt kommt der Captain meiner Maschine zu mir „What’s going on“, will er wissen. „When can we leave?“ Ich erkläre ihm, dass ich mehrfach bei Zoll und Bupo angerufen habe, aber leider keiner auftaucht und ich da keinen Einfluss darauf habe. Es tut mir leid, aber wir müssen warten. Er ist not amused aber er nickt. Ihm ist klar, dass ich mich an die Regeln halte werde und ohne mich kommt er sowieso nirgendwohin. „We started at 5 this morning..“, sagt er nur müde. Ich nicke verständnisvoll. Dann schaut er über meine Schultern über das Vorfeld hinweg und ich folge seinem Blick. Auf der anderen Seite des Vorfeldes biegt gerade ein großer Reisebus mit dem Logo des Fußballvereins um die Ecke. Scheint alles glatt zu laufen da drüben. Da plärrt es aus dem Funkgerät „Jag die da weg! Die haben hier nichts zu suchen!“. Hä, denke ich mir, was denn jetzt los. Mit dem Blick suche ich das Vorfeld nach einer Maschine ab, die wohl diejenige sein könnte, und da sehe ich es: Auf einer Parkpostion am Gebäude steht eines unserer Autos vor einem Flugzeug und hinter dem Auto stehen Rad an Rad 2 Polizeiwagen, ein oder zwei Autos vom Zoll, ein PKW der Flughafenfeuerwehr und mindestens 5 Autos der Abfertigung.

Tja. KEIN WUNDER, dass bei uns niemand auftaucht. Die komplette Flughafenbelegschaft steht da hinten rum und wartet darauf, dass sie endlich die Mannschaft sehen können! Dass sie dem Bus im Weg stehen und mein Kollege Probleme bekommt, ihn vor dem Flugzeug zu positionieren, das interessiert sie scheinbar nicht. Und dass mein anderer Kollege jetzt versucht, sie von dort zu verjagen, noch weniger. Und dass hier eine Maschine seit geschlagenen 40 Minuten darauf wartet, sich ordnungsgemäß kontrollieren zu lassen, das interessiert so wenig wie ein Sack Reis in Uruguay. UN-FASS-BAR!

Ich funke meine Kollegen drüben am Flieger an und bitte darum, ein paar der Beamten bitte sofort hier rüber zu schicken Wir würden uns andernfalls bewusst sehr zeitnah von hier entfernen. Meine Crew sei gerade aus Westafrika eingeflogen und möchte gerne eine Runde schlafen gehen! Was ich eigentlich gerne noch dazu sagen würde, verkneife ich mir. Könnte ja sein, dass besagte Beamten gerade genau neben meinem Kollegen stehen und mithören. Da muss man dann bißchen aufpassen. Genauso, wenn man Passagiere im Auto hat. Es empfiehlt sich, im Beisein firmenfremder Personen, das Funkgerät auf Minimallautstärke zu haben…

Eine Minute später kommt tatsächlich der Zoll angefahren. „Sorry, dass es so lange gedauert hat. Wir waren in einer Maßnahme gebunden.“ Ah ja. Was das denn für eine Maßnahme gewesen, die 40 Minuten gedauert hat, frage ich. „War ein größerer Einsatz. Behördliche Maßnahme.“ IS klar. Ich implodiere leicht, sage dazu aber lieber mal gar nichts. Die beiden gehen an Bord, werfen einen halbherzigen Blick rein, geben mir grünes Licht und fahren mit quietschenden Reifen wieder weg. Ich schaue über das Vorfeld. Ah ja, der Bus steht immer noch da drüben. Die Mannschaft scheint wohl noch nicht komplett eingestiegen zu sein. Da kann man natürlich auch nochmal mit 100 Sachen rüber düsen und vielleicht doch noch einen Blick erhaschen. Schön, wenn man bedenkt, dass man normalerweise bei mehr als 30 KmH, die auf dem gesamten Flughafengelände maximal erlaubt sind, direkt angehalten wird…. aber is ja egal, wichtige behördliche Maßnahmen erfordern anscheinend hohe Tempolimits….

Zoll Aufnäher

Die Crew schaut dem Auto mißtrauisch hinterher. Dann schaut der Captain mich fragend an. „That was it?“, fragt er ungläubig. Ich kann nur stumm nicken. Er schüttelt nur noch den Kopf und macht sich daran, dass Insektenzeugs in der gesamten Kabine zu versprühen und macht dann schleunigst alle Türen zu. Erstmal soll das Spray alles Lebende da drin abtöten und nach ein zwei Tagen werden alle Türen aufgerissen und dann steht die Maschine erstmal eine ganze Weile offen da, um auszulüften. Vorher wird daran überhaupt nichts gearbeitet. Die Crew ist jetzt echt schlecht gelaunt und ich kann das gut verstehen.

Dann sind sie fertig und wollen fahren. Ich lasse sie einsteigen. Ich beschließe, die beiden nicht mehr warten zu lassen, sondern selbst noch bei der Bundespolizei vorbei zu fahren und sie dann zum GAT zu bringen. Und das mache ich auch.
10 Minuten später sitzt die Crew im Taxi und fährt vom Parkplatz. Ich glaube, sie sind in der Sekunde eingeschlafen, in der sie auf der Rückbank Platz genommen haben. Meine Kollegen sind auch alle wieder zurück. Der Mannschaftsbus ist leer wieder vom Gelände gelotst worden und die Passagiere mit dem Flugzeug abgehoben. Der Flughafenbetrieb geht normal weiter. Da klingelt im GAT das Telefon. Mein Kollege geht dran und ruft dann nach mir. „Die Bupo möchte wissen, wieso du dich von der Parkposition entfernt hast, wo sie sich doch angekündigt haben. Wenn die Crew jetzt schon vom Gelände ist, wäre das eine Ordnungswidrigkeit, meint der hier.“
Ich krieg gleich zuviel. Ich nehme das Telefon und erkläre dem Herrn am anderen Ende der Leitung, was hier eigentlich vorgefallen ist und dass ich niemanden der Kontrolle entzogen habe, da die Crew bei deren Dienststelle vorstellig geworden ist, nachdem NIEMAND bei mir aufgetaucht ist, wie eigentlich zugesagt, weil es ja wichtiger war, die Fußballmannschaft zu begaffen und unserer Arbeit im Wege zu stehen, als eine Passkontrolle durchzuführen! Und dann ist absolute Stille in der Leitung. Meine Kollegen starren mich an, als hätte ich gerade Klingonisch gesprochen. Dann höre ich es im Telefon rufen „Rolllfff, echt jetzt?“ und dann ruft Rolf aus dem Off, dass das schon ganz eventuell vielleicht sein könnte…
Und dann hat sich alles ganz schnell erledigt. Man entschuldigt sich bei mir und behauptet, das würde nicht mehr vorkommen und legt dann ganz schnell auf, als im Hintergrund eine Horde Beamten anfängt, Fußballlieder zu schmettern.

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Fracht beschwert sich nicht

 

Leerer Frachtaum eines A300
Frachtraum Airbus A300 (Foto: Die Autorin)

Fracht beschwert sich nicht, sagt man. Was damit gemeint ist, liegt auf der Hand. Wem launische Passagiere zu schnell zu sehr auf die Nerven gehen, der wird wohl eher Cargo-Pilot. Da hat man zwar schlimme Arbeitszeiten (meistens fliegt man nachts) aber dafür kann man trotzdem alle coolen Flugzeugmuster fliegen, und die Ladung meckert nicht. Man muss weder sein Cockpit aufräumen, noch muss man irgendjemandem Kaffee und was zu Essen anbieten, noch muss man mit jemandem groß reden oder selber eine reizende Erscheinung ein. Damit will ich nicht sagen, dass alle Frachtpiloten unordentlich sind und mit niemandem reden möchten. Nur einige der Vorzüge der Frachtfliegerei beleuchten. Man ist zwar durchaus unter Zeitdruck, denn an der Fracht hängt im Normalfall eine enorme zeitkritische Logistikkette. Bei der Post zum Beispiel. Oder bei Zulieferteilen für die Produktion. Aber solange das passt, ist eigentlich alles entspannt. Gerade bei großen Airlines ist  eigentlich alles ganz gut geregelt.

Aber natürlich geht es auch anders. Wir haben öfter mal kleinere Frachtflieger zu Gast, die nicht regelmäßige Strecken fliegen, sondern immer adhoc dahin, wo es nunmal gerade was zu transportieren gibt und jemand einen Auftrag erteilt. Das sind dann teilweise auch haarsträubende Klapperkisten, die da eingeflogen kommen. No offense. Gut, das will nichts heißen. Flugzeuge können von außen furchtbar aussehen aber top flugtauglich sein. Dies ist sogar recht oft der Fall. Man sagt, das Flugzeug ist nur so alt wie die letzte Wartung. Oder so ähnlich. Na jedenfalls, das heißt, auch wenn das Baujahr schon einige Jahre zurück liegt, das Flugzeug aber top gewartet wird, dann ist das absolut sicher. Blöd wirds dann nur für alle Beteiligten, wenn der Betreiber des Flugzeugs seine Gebühren nicht zahlt. Weil er es nicht kann oder will. Man weiß es nicht. Weil das muss die Crew dann ausbaden, die meistens erst dann davon erfährt, wenn sie an irgendeinem Flughafen gelandet ist und das Handling dort ihnen unterbreitet, dass ihre Firma mit x Rechnungen im Verzug ist und sie jetzt bitte die Kohle auf den Tisch legen sollen, da Herr oder Frau Buchhaltung auf Emails und Anrufe nicht reagiert. Das ist natürlich peinlich. Und die Piloten können ja nichts dafür. Aber hilft alles nichts. Sie sind jetzt da also müssen sie das klären. Die meisten, die noch nicht komplett resigniert haben, rufen auch sofort in ihrem Headquarter an und versuchen etwas zu bewegen. Das klappt mal mehr, mal weniger gut. Oft klappt es nicht. Wir müssen die Crew in so einem Fall trotzdem fliegen lassen, denn selbst wenn ihre Fima Schulden bei uns hat, dann haben wir rechtlich dennoch nicht das Recht, das Flugzeug am Boden zu halten. So haben wir eigentlich kein Druckmittel, außer böse zu gucken und das nächste mal unseren Handling-Service zur verweigern. Es bringt uns nur für den Moment nichts, denn ein Teil der ausstehenden Gebühren steht nicht uns, sondern dem Flughafen zu, in dessen Namen wir diese Gebühren eintreiben  müssen. Und der Flughafen will das Geld natürlich trotzdem von uns haben. Das Flugzeug ist ja schließlich gelandet, hat die Infrastruktur in Anspruch genommen, blockiert eine Parkposition und so weiter. All das kostet Geld.

Heute Nacht ist eine Propellermaschine aus Spanien gelandet und hat Fracht gebracht, die Crew schläft sich gerade im Hotel aus. Heute Nachmittag soll es ohne Beladung wieder nach Hause gehen und von dort aus mit neuer Beladung direkt weiter weiter nach London. Beim Vorbereiten der Rechnung ist gerade aber aufgefallen, dass der Operator leider mit einigen Tausend Euro beim Flughafen und bei uns in der Kreide steht. 7.520 Euro insgesamt, um genau zu sein. Gut, die Anweisung lautet: Das Geld verlangen. Die Crew darf möglichst nicht an den Flieger, bevor das nicht geklärt ist. Immer eine blöde Situation. Vor allem, wenn die Crew sehr nett ist. Aber hilft ja alles nichts. Und schon stehen die beiden ziemlich verpennt aussehenden Piloten vor uns.

Ob sie bezahlen müssten oder ob sie hier ein Konto hätten, wollen sie wissen. Sehr gut.
Sie müssen bezahlen, sage ich ihnen. Der Captain holt seine Firmenkreditkarte aus der Tasche und legt sie auf den Tresen. „We have four invoices for you. Not only one“, sage ich schnell. Der Captain guckt komisch. Er scheint irritiert zu sein aber das hält nicht lange an. Ein matter, resignierter Ausdruck erscheint auf seinem Gesicht. Er scheint zu ahnen, was hier lost ist. Und es scheint nicht das erste Mal zu sein, dass ihm das passiert. Ich erkläre ihm, dass wir 4 offene Rechnungen haben und seine Firma auf nichts reagiert. Es tut mir leid, aber da sie jetzt nunmal hier sind, müssen sie eine Lösung finden, sage ich ihm. Er versteh das. Er bedauert das auch. Aber er kann die offenen Rechnungen nicht bezahlen, sagt er. Das gibt die Firmenkreditkarte aktuell nicht her. Ok, sage ich, aber ohne bezahlte Rechnung können sie ja nicht fliegen. Ich halte mich da möglichst wage. Der Pilot weiß anscheinend nicht, dass ich ihn nicht festhalten darf. Er soll aber ruhig den Eindruck bekommen, es wäre so. Er schaut ratlos. Und holt sein Handy aus der Tasche.

Während mein Kollege und ich uns um ein paar andere Angelegenheiten kümmern, geht der arme Pilot im GAT vor unserem Tresen auf und ab und telefoniert aufgeregt mit seiner Firma. Ich vermute, er wird gerade von einer Stelle, die nicht zuständig ist, weitergeleitet zu einer anderen Stelle, die nicht zuständig ist. Nach einer Weile kommt er zu uns zurück. „Ok, my company will put money on the card now. Please try to charge the card“. Alles klar. Mein Kollege holt die offenen Rechnungen raus und tippt den Betrag ins Kreditkartengerät. Dann steckt er die Karte ein und… Fehlermeldung. Geht nicht, sagt er zum Captain. Der meint, wir sollen es in ein paar Minuten nochmal versuchen. Gesagt, getan. Fehlermeldung. Bitte nochmal 10 Minuten warten. Mein Kollege und ich schauen uns an. Wir kennen das schon. Aber klar, wir machen mit, solange es eben dauert. Der Copilot hat es sich in einem der Sessel bequem gemacht und scheint ein Nickerchen zu machen.

Zwei Stunden und drei Telefonate später haben wir unser Geld noch immer nicht und die zwei Piloten haben auch so langsam keine Lust mehr. Für sie wird es immer später und unangenehmer und ärgerlicher. Sie kommen nicht weg und auf der Seite ihrer Firma scheint es niemanden zu geben, der eine ordentliche Lösung finden kann oder will. „I’m so very sorry“, sagt der Captain zu mir. Kein Ding, sage ich, ich weiß, dass er dafür nichts kann. Die Frage ist nur, was machen wir jetzt? Da klingelt sein Handy. Er geht ran, dann schreit er rein, dann legt er auf. „Try again now please!“, sagt er zu meinem Kollegen, das tut er auch und siehe da, es funktioniert! Na halleluja. 2.113 Euro von offenen 7.520 haben wir schon im Sack. Bleiben noch 5.407. Mein Kollege nimmt sich die zweite Rechnung vor, tippt die Zahlen ein, zieht die Karte durch und… Fehlermeldung. Karte nicht mehr gedeckt. Ich schaue meinen Kollegen an, der rollt mit den Augen. Wir kennen das. Der Operator schiebt ein paar Euro auf die Karte, damit zumindest ETWAS abgebucht werden kann und wir Ruhe geben. Funktioniert aber nicht. Der Captain hört das Piepsen der Fehlermeldung und kriegt fast einen Tobsuchtsanfall. Erneut zieht er sein Handy aus der Tasche, beschimpft seinen Gesprächspartner und legt dann auf. Bringt nichts, sagt er. Das Geld kommt heute nicht mehr. Sie gehen jetzt ins Hotel, denn abfliegen können sie ja nicht. Wir lassen sie einfach in dem Glauben. Morgen wird die Karte gedeckt sein, verspricht er uns. Dann ziehen sie ab. Sowas geht auch nur, wenn Fracht geflogen wird, denke ich mir. Einem möglichen Passagier hätte man jetzt mit irgendeiner fadenscheinigen Erklärung den Flug absagen und ihm den Preis erstatten und für Ersatz sorgen müssen. Der Ruf der Fluggesellschaft würde immens leiden und wenn das öfter vorkommt, hätte man Schwierigkeiten, noch Kunden zu finden. Abgesehen davon, dass der Passagier hier und jetzt eine riesen Szene gemacht hätte, und zwar zu Recht! Aber Fracht, die beschwert sich ja nicht.

Am nächsten Tag haben wir bereits Wetten abgeschlossen, ob das heute was wird oder nicht. Wenn man sich überlegt, dass die Flugesellschaft nun lieber zwei Hotelzimmer für eine unnötige Übernachtung bezahlt hat, anstatt den Betrag für die offenen Rechnungen aufzutreiben, naja… Man muss das nicht verstehen. Es kann natürlich sein, dass schlichtweg nicht das ganze Geld auf dem Konto ist. Das wäre das Eine.  Operieren am Limit sozusagen. Ich will gar nicht wissen, wie oft die Angestellten da auf ihre Gehälter warten. Es kann aber auch sein, dass die Fluggesellschaft schlichtweg kriminell drauf ist und einfach keine Lust hat, die Kohle rüberzuschieben. Die versuchen es dann so lange aufzuhalten und immer nur kleine Häppchen zu bezahlen, sodass sie immer wieder damit durchkommen und so weiter fliegen können. Man weiß nicht, was dahintersteckt aber mir soll es auch egal sein.

Grinsend kommt der Captain zu uns an den Tresen. „Good morning“, begrüßt er uns. „Ready for another round?“, fragt er. Naja zumindest hat er seinen Humor nicht ganz verloren. Und wenn man bereits unfreiwillig so viel Zeit miteinander verbracht hat, dann fällt das Witzemachen auch leichter. Der Copilot hat sich gar nicht erst zu uns bemüht, sondern hat direkt den Weg zu seinem Schlafsessel eingeschlagen. Klar, sagen wir. Mein Kollege holt das Kreditkartengerät raus. Ob er es probieren soll, will er wissen. Der Captain zuckt mit den Achseln. Mach halt mal, ich hab kein Plan, was passiert, soll das heißen. Und wir erhalten prompt eine Fehlermeldung. Er stöhnt. Und greift zu seinem Handy. Nach dem Telefonat bittet er uns, die offenen Rechnungen per Email an die Buchhaltung seiner Firma zu schicken. Da die Rechnungen dort nicht vorlägen, könnten sie auch nichts überweisen, habe man ihm eben erklärt. Faule Ausrede, um Zeit zu schinden. Die Rechnungen haben wir selber mehrfach mitsamt Zahlungsaufforderung an eben jene Buchhaltung geschickt. Aber is ja egal, wir schicken sie gerne auch noch ein weiteres Mal. Danach ruft der Pilot wieder an und sagt danach zu uns, das Geld sei gleich da.

Ich bin zwischenzeitlich mit einem anderen Flugzeug beschäftigt und als ich wieder reinkomme, versucht mein Kollege gerade erneut, einen offenen Betrag abzubuchen. Eine Kollegin, die zeitgleich mit mir vom Vorfeld rein kommt, stellt sich neugierig neben den Tresen. Wir sind alle gespannt, was jetzt passiert.
Und es klappt! Wieder 2.400 Euro im Sack! Somit wären noch 3.007 offene Euro einzukassieren. Wir versuchen direkt eine weitere Rechnung über 1.600 Euro abzubuchen. Und wieder klappt es! Unfassbar. Der Pilot strahlt. Jetzt haben sie einen Lauf. Nun fehlen nur noch eine alte offene Rechnung über 1.407 Euro plus die Rechnung vom aktuellen Flug über 1.520 Euro. Eigentlich wäre die Rechnung nun aufgrund der weiteren Nacht, die der Flieger hier stand, höher. Aber wir lassen das jetzt lieber mal so.

Mein Kollege nimmt die nächste Rechnung und tippt Zahlen ins Gerät. 1407 Euro. Es wird spannend! Mittlerweile ist auch der Copilot aufgestanden und starrt auf das Display. Genauso wie noch zwei weitere meiner Kollegen, denn keiner will sich diesen Krimi entgehen lassen. Das Gerät sirrt und dann – Akzptiert! Die beiden Piloten brechen in Freudengeheul aus und wir freuen uns alle mit ihnen. Aber Moment! Noch sind wir nicht fertig. Die Rechnung über den aktuellen Flug liegt noch da.
Mit neu gewonnenem Mut schiebt der Captain noch einmal seine Karte rüber zu meinem Kollegen, der wiederum den Betrag ins Gerät tippt.

Kreditkarte

Und – ABGELEHNT! Ich kann es nicht fassen. Keiner sagt einen Ton. Ich schiele zu den Piloten rüber. Ich fürchte, die beiden brechen gleich in Tränen aus. Aber statt Tränen entwickelt der Captain jetzt einen solchen Tobsuchtsanfall, dass ich glaube, er zerschmeißt gleich die gesamte Kaffeetheke. „These bastards!“, schreit er. Und dann noch einiges mehr auf Spanisch. Ich an seiner Stelle wäre auch ausgerastet. Die Firma hat jetzt genau so viel Geld auf die Karte geladen, um die alten Rechnungen zu begleichen. Aber dass es noch eine neue, aktuelle Rechnung gibt und die Piloten jetzt wieder zusehen können, wie sie hier weg und endlich nach Hause kommen das interessiert deren Buchhaltung anscheinend wenig. Das Telefonat dauert eine ganze Weile. Dann legt er auf und schmeißt sein Handy auf den Boden. „The money will be on the card in 10 minutes. If not, I will quit my job! I told them!“, sagt er. Der Copilot schaut ihn ängstlich an. Wahrscheinlich sieht er es schon kommen, dass sein Kollege das Handtuch wirft und einfach aus dem GAT spaziert. Seiner Laune nach zu urteilen, traue ich ihm das absolut zu. Wir sind jetzt alle sehr aufgeregt und gespannt, was in den nächsten 10 Minuten passiert. Keiner will mehr raus, sich um andere Kunden kümmern. Alle wollen wissen, wie es hier weitergeht. Ein Kollege stellt die Stoppuhr auf 10 Minuten.

Als die um sind, schiebt der Captain ganz langsam die Kreditkarte rüber zum meinem Kollegen. Dem ist offensichtlich nicht wohl in seiner Haut, aber hilft ja nichts. Er steckt die Karte ins Gerät, tippt Zahlen ein und dann starren alle auf das Display. Ich bin so gespannt, ich könnte ausflippen. Es sirrt. und sirrt. Und dann.. AKZEPTIERT! HALLELUJA!
Ich laufe sofort los, hole eine Warnweste und bin bereit, die beiden schnellstmöglich zu ihrem Flugzeug raus zu bringen. Die beiden bedanken sich herzlich bei uns allen, entschuldigen sich tausend Mal für die Unannehmlichkeiten und laufen dann schnellen Schrittes hinter mir her durch die Kontrolle. Ohne weitere Zwischenfälle machen die beiden das Flugzeug fertig und fliegen dann auch ab gen Heimat.

Ein paaar Wochen später, mittlerweile sind schon wieder so viele andere verrückte Dinge passiert, dass ich diesen einen Fall schon wieder vergessen habe, nehme ich mal wieder einen kleinen Frachter an. Die Tür geht auf und heraus steigt ein mir wohlbekannter Captain. Offensichtlich hat er seine Drohung wahr gemacht und seinen Arbeitgeber gewechselt. Während wir zusammen auf die neue Beladung für das Flugzeug warten, erzählt er mir, dass er beim Weiterflug nach dem Desaster bei uns genau das selbe Problem in London hatte. Genau das selbe Spiel. Offene Rechnungen, keine gedeckte Karte und das selbe Drama noch einmal. Da ist ihm der Kragen geplatzt. Nachdem er die Buchhaltung am Telefon höflichst darum gebeten hat, sich doch ins Knie zu f*****, hat er einfach alles stehen und liegen lassen und ist einfach aus dem GAT gelaufen. Hat sein Handy ausgeschaltet, sich einen Linienflug nach Haus gebucht und am nächsten Tag seine Kündigung abgegeben. Er freue sich jetzt mit einer vernünftigen Airline wieder hier zu sein, sagt er. Gut, sage ich, seine Fluggesellschaft jetzt hat bei uns nämlich ein Konto. Ob er nicht lieber generell auf Passagierflüge umsteigen wolle, frage ich ihn. Er grinst. Ne, will er nicht, denn Fracht beschwert sich nicht. Und dann kümmern wir uns gemeinsam um die Beladung.

Nullte Welt Probleme

GLEX
Global Express GLEX (Foto: Die Autorin)

Es ist später Nachmittag und ziemlich heiß. Mir läuft schon jetzt der Schweiß und das wird die nächsten Stunden nicht besser werden. Wer schonmal bei brüllender Hitze einen aufwändigen Flieger abgefertigt hat, weiß, wovon ich rede. Auf dem Vorfeld gibt es keinen Sonnenschutz. Man kann sich nicht einfach unter irgendein Dach stellen, weil es auf der offenen Platte an den Parkpositionen natürlich keine Dächer gibt. Man kann auch, vor allem bei kleineren Maschinen, nicht die ganze Zeit an Bord herumlungern, weil man da meistens nur im Weg steht. Und man kann sich auch nicht die ganze Zeit ins Auto setzen und der Crew zuschauen, weil das nicht die Aufgabe eines Ramp Agenten ist. So oder so, durch die pralle Sonne im Sommer muss man durch. Gehört halt zum Job. Und ich hab gerade einen arabischen Ambulanzflug outbound am Start. So ein Flug dauert.

Es geht um einen Patienten, der Mitglied irgendeiner arabischen Königsfamilie ist, wenn ich das richtig verstanden habe. Also wird das hier kein normaler Flug mit Krankenwagen zum Flugzeug, Patient rein und auf Wiedersehen, ne. Er kam vor einiger Zeit mit seiner Familie hierher, um sich in einer Fachklinik behandeln zu lassen. Jetzt soll er wohl wieder nach Hause geflogen werden. Er ist stabil aber liegend. Aber Patient ist Patient. Sollte man meinen. Hauptsache er kommt schnell nach Hause, egal wie. Tatsächlich sieht es selbstverständlich aber etwas anders aus. Geflogen wird heute mit einem Global Express, mitfliegen sollen zusätzlich zum Patienten 2 Familienangehörige und 2 Medcrew (Arzt und Helfer), 2 Piloten im Cockpit und eine Flugbegleiterin in der Kabine. Damit ist ein solcher Flieger noch nicht voll aber der Stretcher, auf dem der Patient liegen wird, die zwei Sitze für Arzt und Rettungsassistent und die Gräte, an die er angeschlossen ist, nehmen den kompletten vorderen Teil der Kabine ein. Im hinteren Teil gibt es eine Sitzecke, bestehend aus 4 Sesseln und einem Tisch sowie einem Sideboard und Sofa.
So weit, so gut. Die Crew habe ich vorhin schon raus zum Flugzeug gebracht und bin dann nochmal rein gefahren, um das Briefing und ein Wetterupdate für die Piloten abzuholen. Getankt haben wir bereits und auch sonst sollte alles soweit erledigt sein. Wir warten derzeit nur noch auf den Caterer und die Futterlieferung. Uns bleibt etwa eine Stunde, bis der Krankenwagen mit der Medcrew ankommen soll und die Begleiter des Patienten werden separat von der arabischen Botschaft zum Flughafen gebracht. Bitte fragt mich keiner, wieso. Specialservice halt.

Ich fahre zum Flugzeug zurück und gehe an Bord, da drin herrscht reges Treiben. Ich reiche zuerst den Papierkram ins Cockpit und gehe dann nach hinten durch die Kabine durch. In dieser Maschine ist die Galley, also die Bordküche, ganz hinten. Was völlig unpraktisch ist, weil man immer erst durch die ganze Kiste laufen muss, um irgendwas dahin zu bringen. Wenn man dreckige Schuhe an hat oder etwas trägt, was tropft, kommt das für den zumeist hellbeigen Teppichboden weniger gut. Ich frage die Flugbegleiterin mal, ob sie noch was braucht, aber außer dem Catering ist sie soweit ok. Da das aber noch nicht angekommen ist, wird sie langsam nervös. Ich funke mal das Ops an, ob die was wissen. „Ist auf dem Weg“, sagt man mir. Na gut, ich gebe die Info weiter und sie fährt fort, Kissen zu beziehen und Blumen in Vasen neu zu drapieren. Dann klopft es vorne und das Catering ist da. „Can you stay and help?“, fragt sie mich „I ordered just a little bit more. Just to be safe“. Oh mein Gott.

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Ich gehe nach vorne zur Tür und begrüße den Catering-Lieferanten. Man kennt sich ja. Die Galley ist hinten, erkläre ich ihm und er seufzt. Also längere Laufwege für ihn. Aber ich sage ihm, dass ich helfe und schlage vor, dass er die Sachen aus dem Auto holt, sie mir angibt und ich sie nach hinten durch trage. Dann wieder nach vorne komme und so weiter. Er sieht erleichtert aus. Und so machen wir es dann.
Er geht zum Auto und holt den ersten Stapel Trays, also durchsichtige Plastiktabletts voller schön angerichtetes und dekoriertes Essen mit Deckel. Man kann sehen, was drin ist, und das Essen ist dennoch durch den Deckel geschützt. Die Teile sind in der Allgemeinen Luftfahrt Standart. Es ist dann der Kabinencrew überlassen, ob sie das Essen auf dem flugzeugeigenen Porzellan anrichtet oder das Tray so auf den Tisch stellt, wie es ist. Nur sperrig sind die Teile und der Deckel verrutscht leicht, wenn man nicht aufpasst. Der erste Stapel besteht aus Sandwiches mit verschiedenen Belägen. Um die 20 Stück. Das alleine würde für die 7 Personen an Bord reichen. Weiter geht es mit einem Stapel Trays voller belegter Baguettes. Also quasi dasselbe wie vorher, nur in einer anderen Form. Ich stelle den Stapel hinten ab und laufe wieder nach vorne. Als nächstes schleppe ich einen Stapel gefüllte Croissants durch das Flugzeug. Die Flugbegleiterin hat schon jetzt Platzprobleme. In Flugzeuggalleys herrscht immer Platzmangel. Irgendwie sind die für viel Essen einfach nicht ausgelegt. Der Stauraum fehlt. Aber ich mache mir keine Gedanken. Ich habe schon sehr viele Flugbegleiterinnen äußerst kreativ werden sehen, wenn es darum geht, Essen zu verstauen. Und wenn es unter dem Sofa sein muss, alles wird irgendwie untergebracht.

Der Caterer gibt mir einen weiteren Stapel Trays an und ich stelle ihn auf dem Tisch ab. Die Flugbegleiterin ist noch am Sortieren. Ich laufe noch ein paar mal nach vorne und hinten, dann haben wir 8 Sixpacks Wasser und noch ein paar Flaschen verstaut. Weiter geht es mit diversen Boxen voller Soßen und Dressings. Mir ist so heiß und der Schweiß läuft mir den Rücken runter. Die APU läuft zwar, aber wirklich kühl wird es in der Kabine nicht, weil die Tür ja offen steht. Jetzt habe ich auch keinen Platz mehr zum Abstellen und muss warten. Die Sandwiches kommen jetzt erstmal auf den Tisch und auf die Sofalehnen. Die Wasserflaschen kommen unter die Sitze. Ich stelle die Boxen auf den Boden im Gang ab und gehe wieder nach vorne zur Tür. Der Captain steht vor dem Cockpit im Gang, beobachtet das Schauspiel und schüttelt den Kopf. Ich weiß, was er denkt. Das gleiche wie ich.

Mit einem Stapel Aluschalen kehre ich nach hinten zur Galley zurück. Da drin sind die warmen Essen (also aktuell kalt), die in Ofen oder der Mikrowelle aufgewärmt werden müssen. Auch davon hat die Flugbegleiterin offensichtlich bestellt, als gäbs kein morgen. Dabei waren schon die Sandwiches zuviel des Guten. Selbst Mitglieder von Königsfamilien können nicht mehr Essen, als normale Menschen. Vor allem, wenn ihr Sohn oder Neffe oder was auch immer nebendran auf einem Stretcher liegt. Aber ich kann mich auch irren…

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Fotos: Die Autorin

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Die Aluschalen muss die Flugbegleiterin erstmal sortieren. Das macht sie auf dem Sideboard, da in der Galley absolut kein Platz mehr ist und auf dem Boden auch nicht. Ich gehe mal nach vorne zur Tür und frage nach, wie die Lage cateringtechnisch so ist. „Noch ein paar Trays und Boxen“, ist die Antwort. Mhm.
Ich gehe wieder nach hinten und frage die Dame, wohin mit dem Zeug. Sie schaut mich ratlos an. „Just put it here“, sagt sie und zeigt in irgendwelche Ecken, in denen KEIN PLATZ IST! Ich gehe zur Tür, nehme den nächsten Stapel an und stelle ihn auf irgendeinen anderen Stapel oben drauf. Mir doch egal. Noch zwei Mal laufe ich hin und zurück und dann war es das endlich. Noch 15 Minuten bis zum geplanten Abflug und das Essen ist noch immer nicht verstaut. Ich setze mich auf den Stretcher und schaue zu, was die Dame da hinten treibt. Ich komme ohnehin nicht mehr durch, der Gang steht voller Essen. Sie stopft und stopft, und so langsam lichtet sich das Dickicht.

Wie schon so oft staune ich maßlos über diese Fähigkeit der Flugbegleiter, viel zu viel Zeug in viel zu wenig Platz zu räumen und zwar so, dass ein Gast NICHTS davon sieht. Man muss allerdings sagen, dass die Mengen an Essen, die ich hier heute durch das Flugzeug getragen habe, schon Seltenheitswert haben. Die meisten Flüge mit Passagieren haben Essen an Bord. Ein Frühstück für den Gast oder ein Abendessen, gerne auch mal zwei Varianten, ja klar, das ist normal und für mein Empfinden auch nicht übertrieben. Gutes Essen ist nunmal wichtig für einen gelungenen Flug. Heißt: Essen, ja. Viel Essen, auch. Aber dermaßen übertrieben viel Essen habe ich in meinen fünf Dienstjahren bisher nur selten gesehen. Das muss ich schon sagen. Es ist Essen in den Schränken, es ist Essen unter den Sitzen, es ist Essen in def Garderobe, es ist Essen im Gepäckraum und es ist Essen im Kloschrank. Aber nichts davon ist auf den ersten oder zweiten Blick sichtbar. Die Gäste kriegen nichts mit, weil sie gar nicht auf die Idee kommen, dass sie auf Sandwiches sitzen könnten.

Der Captain kommt nach hinten. „Ready for the patient?“, fragt er nur. Die Flugbegleiterin, die gerade noch in ihre Sortierungen vertieft war, schreckt hoch. „What patient?“, sagt sie verwirrt. Dann fragt sie ihn, ob sie ein bißchen Essen im Cockpit unterbringen darf. Der Captain schüttelt den Kopf und schaut mich an „You see what our problem is here? We care more about the food than the patient. First world problems. No, more zeroth world problems. Ts ts ts“. Dann seufzt er, nimmt einen Stapel eingepackter Sandwiches und stopft sie hinter seinen Pilotensitz.

In dem Moment kommt es über Funk, ich soll kommen und die Begleiter abholen. Die Botschaft hat sie gerade am GAT abgesetzt und auch der Krankenwagen ist eben eingetroffen. Ich gebe der Crew Bescheid, hole mir das OK vom Captain, dass ich die Passagiere bringen darf und fahre los. Kurz darauf bin ich mit den Begleitern am Flugzeug zurück, zeitgleich mit dem Krankenwagen. Es dauert eine ganze Weile, bis der Patient und das ganze Gepäck (Unmengen an übergroßen Designerkoffern) verladen sind, dann ist endlich alles startklar. Ich checke nochmal kurz im Cockpit ab, ob alles ok ist. Der Captain bedankt sich bei mir und drückt mir eine große Tüte in die Hand. „Do me a favor. Take this. It’s just a waste“. Ich weiß genau, dass da drin unter anderem die eingepackten Sandwiches sind und ich weiß auch, dass die Flugbegleiterin nichts davon weiß. Und wir beide wissen, dass die Sandwiches am Ankunftsort im Müll landen würden. Ich nicke und bedanke mich und gehe von Bord. Eine halbe Stunde später habe ich alle meine Kollegen, die Schicht an der Security, den Taxifahrer vor der Tür, zwei im GAT herumsitzende Piloten und mich selbst mit Essen versorgt und gehe in den Feierabend.