Oh, what a night

Flugzeug bei Nacht

Ich habe Spätschicht heute. Ich bin erst gegen 1800lt zur Arbeit gekommen und werde voraussichtlich gegen Mitternacht nach Hause gehen. Ist jetzt nicht mein Lieblingsdienst aber jeden trifft es mal. Sollte doch noch etwas passieren, muss ich da bleiben, denn nach mir kommt keiner mehr bis zur Frühschicht um 0530lt. Für den großen Notfall hat der Letzte, der geht, dann Rufbereitschaft. Es ist allerdings erst ein oder zwei Mal vorgekommen, dass ich tatsächlich nochmal kommen musste in der Nacht. In der Regel ist man immer noch da, wenn was passiert, oder es fällt dann schon wieder in die Frühschicht. Ich drücke mir also die Daumen und gehe dem üblichen Tagesgeschäft nach. Da ich den Tag ohnehin beschließen muss, schmeiße ich heute gleich das Ops und wenn alle Kollegen aus der früheren Schicht gegangen sind, gehe ich bei Bedarf selber auf die Rampe und mache dann sozusagen Ops und Rampe gleichzeitig. Wenn man nur einen Flug hat, dann ist das mit ein bißchen Erfahrung kein Problem.
Gegen 2200lt haben sich alle verabschiedet und ich treffe die letzten Vorbereitungen für den Feierabend. Da finde ich im CFMU ein Flugzeug, das gegen Mitternacht bei uns landen will. Das Kennzeichen beginnt mit D-I, was bedeutet, dass die Maschine in Deutschland angemeldet ist und ein maximales Abfluggewicht (MTOW) von unter 2 Tonnen hat, also sehr klein ist. Dem Flugplan nach zu urteilen will die Maschine um Mitternacht landen und um 5 Minuten nach Mitternacht wieder starten. Ganz klar, diese Kombi, das ist ein Organ. Organtransporte finden so gut wie immer nachts statt und inbound benötigen sie nur 5 Minuten Bodenzeit. Denn: Ein Notarztwagen steht dann schon parat, der von der Flughafensecurity bis ans Flugzeug gelotst wird. Die Crew steigt aus dem Flugzeug mit dem Organ in einer Kühlbox, die wird im Auto verstaut und das fährt auf der Stelle wieder los. Die Crew setzt sich wieder in ihren Flieger und fliegt wieder nach Hause. Das Ganze dauert nicht mal 5 Minuten. Theoretisch werde ich dafür nicht gebraucht, das geht alles automatisch. Aber solche Flüge gehören zur Allgemeinen Luftfahrt und es ist immer besser, man ist da, für den Fall der Fälle.
Wird allerdings ein Organ abgeholt, dann dauert das locker 3 Stunden. Denn: Das Flugzeug kommt mit dem verantwortlichen Chirurgen an Bord rein und setzt diesen plus meistens ein zwei Helfer ab. Sie werden von einem Ambulanz- oder Notarztwagen am Flugzeug abgeholt und in das Krankenhaus gebracht, in dem der Organspender liegt. Das Organ wird herausoperiert, was natürlich einige Zeit in Anspruch nimmt, und danach erfolgen die Rückfahrt zum Flughafen und der Abflug dorthin, wo der Empfänger liegt. In der Zwischenzeit wartet die Cockpit-Crew entweder am Flugzeug, oder sie werden von uns vom Flugzeug abgeholt und warten dann im Flughafen oder im GAT in unserem Fall. Was natürlich heißt, man selber muss auch da sein und warten, egal wie spät es ist oder wie lange es dauert. Man kann ja schlecht sagen „Ok ich geh dann mal und schließe die Tür ab. Ihr könnt ja dann gucken, wie ihr später wieder zum Flugzeug kommt!“ Nee, geht nicht. Mein Rekord war einmal 5 Stunden warten. Die ganze Nacht durch. Bis das Organ endlich fertig war. Meistens wird der Flug mit einer Bodenzeit von 2 Stunden geplant (also z.B. Mitternacht Ankunft, Abflug um 0200lt morgens). Aber tatsächlich dauert es immer länger, da der Weg vom Flughafen zum Krankenhaus und der Rückweg ja auch anfallen und je nachdem, um welches Organ es sich handelt, dauert auch die OP mal länger. Natürlich kann man das alles nicht genau vorhersagen. Dass überhaupt ein Organtransport stattfindet, ergibt sich ja logischerweise immer recht spontan. Man kann uns also auch immer nur recht spontan oder eben gar nicht vorwarnen.

Na gut, ich weiß jetzt ja aber bescheid und mache mich darauf gefasst, dem Übergabeintermezzo 5 Minuten beizuwohnen. Danach kann ich mich dann vom Acker machen. Bis Mitternacht ist allerdings noch eine Stunde Zeit und ich räume schon mal alles auf, mache den Kassenabschluss und so weiter. Ich bin gerade fertig mit allem, als im CFMU ein neuer Flug auftaucht. Noch eine D-I. Ankunft geplant um 0100lt, Abflug geplant um 0300lt. Oah neee….
Meinen Berechnungen und meiner Erfahrung nach wird diese Maschine nicht vor 0400lt rausgehen. Aber ok, so ist das Leben. Ich richte mich seelisch drauf ein, meine Nacht hier zu verbringen und hoffe, dass wenigstens die Crew, mit der ich später warten werde, entweder unterhaltsam ist oder komplett durch schläft. Ich selbst werde mich schon beschäftigen. Habe einen Fernseher, eine Kaffeemaschine und einen Schrank voller Süßigkeiten (für Gäste… und so… is ja klar).
Jetzt fängt die erste Maschine auf dem  Monitor mit den Ankünften an zu blinken. Heißt: Sie ist im Anflug. Noch 10 Meilen entfernt. Ich schnappe mir meine Warnjacke, Funkgerät brauche ich diesmal nicht (ist eh keiner mehr hier, der mir antworten würde), mein Handy (mit der Rufumleitung vom Ops-Telefon) und den Autoschlüssel. Dann mache ich mich auf dem Weg zur Sicherheitskontrolle.
Die erste Maschine landet, der Notarzt steht schon parat. Dachte ich es mir doch. Ich schaue zu, wie die Übergabe der Kühlbox vonstatten geht und merke, wie mein Handy vibriert. Ich geh dran und hab einen spanischen Dispatcher an der Strippe. Den kenne ich schon und weiß, was gleich kommt. „We will arrive this night with and pick up some Cargo. Are you open?“ Booaaaaah nee. Ein spontaner Frachter und dann auch noch ein Metroliner SW3. Diesen Flugzeugtyp nennt man gerne auch „Angströhre“. Wer sie kennt, weiß, warum. Dass die Teile überhaupt fliegen, ist mir jedes mal wieder ein Rätsel. Aber egal, um welche Art Flugzeug es geht, am liebsten würde ich dem sagen, hier ist keiner mehr open. Aber Lügen ist halt auch eher ungünstig. Wann sie denn kommen wollen, will ich wissen. „in one hour from now“ ist die Antwort. Läuft bei mir…

Metroliner SW3
Metroliner SW3 (Foto: Die Autorin)

Ich sage ihm das Handling zu, lege auf, und nachdem das Organ übergeben wurde und das Ambulanzflugzeug wieder abgehoben ist, mache ich mich wieder auf den Weg nach drinnen. Ich muss schnell den Handling Request von dem Frachter schriftlich beantworten, bevor ich da gleich keine Zeit mehr für habe. Er wird mir den in der Zwischenzeit sicher geschickt haben. Danach rufe ich im Cargo-Center an. Ob denn schon Cargo für die Frachtmaschine eingetroffen ist, will ich wissen. Fracht geht über ein gesondertes Terminal, das mit überdimensionalen Durchleuchtungsmaschinen ausgestattet ist. Fracht ist so ein Thema für sich. Sie wird meistens mit LKWs angeliefert oder abgeholt, muss je nachdem, was es ist, auf bestimmte Paletten gebaut und gesichert werden, und wenn es Gefahrgut ist, gelten schon wieder ganz andere Regeln. In meinem Fall heute ist das sehr wahrscheinlich so, dass in irgendeiner Produktionsfirma in Rumänien irgendein Teil oder irgendwelches Material fehlt und damit das Förderband nicht stillsteht, fliegt man eben schnell ein bißchen was dahin. Teilweise geht es da um ein Einzelteil von irgendwie so 100KG. Mehr ist dann manchmal nicht an Bord. Aber auch das muss erstmal am Flughafen ankommen, durchleuchtet und verzollt werden, dann werden die Frachtpapiere erstellt, die mitfliegen müssen, und dann mit einem Gabelstapler zum Flugzeug gebracht. Oder irgendeinem anderen Gerät. Je nachdem wieviel es ist und was das Flugzeug für ein Typ ist.
Aber so oder so, für mich ist noch nichts angekommen. Auch gut. Ich bitte um eine Info, wenn es dann soweit ist, und lege auf. Der Ankunftsmonitor sagt mir, dass Ambulanz Nummer 2 schon im Anflug ist. Ich packe erneut meine Warnjacke, Handy und Schlüssel und begebe mich zur Kontrolle. Das Ambulanzflugzeug landet. In so einem ist meistens Platz für zwei Piloten, einen Arzt und ein bis zwei Rettungsassistenten (Med-Crew) plus eine Liege für den Patienten und Equipment. Das wars. Damit ist der Flieger rappelvoll.

Ambulanzflugzeug Innenraum
Ambulanzflugzeug Innenraum (Foto: Wikipedia)

Man kann auch Inkubatoren reinbauen, zwei Liegen statt einem Sitz und all so Sachen.
Die Med-Crew steigt aus und fährt mit dem Notarztwagen weg Richtung Innenstadt und Krankenhaus. Ich bestelle einen Tanker für die Cockpit-Crew und sie räumen das Flugzeug auf. Meinem Zeitgefühl nach zu urteilen müsste auch der Frachter jetzt im Anflug sein. Da ich ja aber auf dem Vorfeld stehe, kann ich keinen Blick auf den Monitor werfen. Ich rufe in der Verkehrszentale an und frage mal nach, ob sie die Kiste schon auf dem Radar haben. „Gerade ten miles out“ lautet die Antwort. Also geht sie genau jetzt in den Anflug ist und ist in ein zwei Minuten da. Glücklicherweise kriegt sie eine Parkposition, die nicht weit entfernt von der des Ambulanzfliegers ist.
Für die kommt grade der Tanker an. Ich rufe nochmal schnell im Frachtzentrum durch. Immernoch keine Fracht angekommen. Is ja wieder traumhaft!

Der Frachter geht on block und ich fahre schnell rüber, nachdem ich der Ambulanzcrew bescheid gegeben habe, dass ich mal kurz zu einer anderen Maschine muss. Dort sage ich hallo und gebe bescheid, dass Cargo noch nicht at the airport ist. Die Crew ist not amused, aber ist mir ehrlich gesagt ziemlich wumpe. Wer mit Vorlaufzeit einer Stunde kommt, kann nicht erwarten, dass alles parat steht. Ich sage ihnen, sie mögen doch mal ihr Ops kontaktieren und die sollen mal ihren Logistikpartner anrufen. Vielleicht kann der ja sagen, wo der LKW gerade rumdümpelt. Das wollen sie machen. Ich sage, dass ich gleich zurück bin, und fahre zum Ambulanzflieger zurück. Dort ist man mittlerweile fertig mit Tanken und möchte gerne rein ins GAT gebracht werden. Vorher aber gerne noch ins Hauptterminal, um was zu essen zu kaufen. Gut, von mir aus. Bitte einsteigen. Ich fahre über das Vorfeld und lasse die beiden am Crew-Gate raus. Wenn sie fertig sind, sollen sie anrufen. Dann sammle ich sie wieder ein.

Ich fahre zurück zum Frachter und rufe nebenbei nochmal beim Cargo-Center an. Keine Fracht angekommen. Die Crew muss aber sowieso erstmal noch tanken und ich rufe wieder beim Tanker an. Während wir warten, klingelt mein Handy. Der Ops-Mitarbeiter von der Ambulanzfluggesellschaft, deren Crew gerade im Hauptterminal auf Futtersuche ist, meldet sich. „Du hast ja gerade schon einen Flieger von uns auf dem Hof“, sagt er, „wir schicken dir gleich noch einen!“ AARRGHHGGH
Ich hätte es wissen müssen. Manchmal passiert das, wenn ein Organspender nicht nur ein Organ gibt, sondern mehrere. Dann kommen auch mehrere Abholer und fliegen die Organe dann in alle möglichen Himmelsrichtungen. Wo auch immer die Empfänger halt eben liegen. Für mich bedeutet das: Drei Flugzeuge gleichzeitig.

Der Tanker  für den Frachter kommt, ich rufe in der Verkehrszentrale an. Ich bitte die Kollegen dort, mir bescheid zu sagen, sollte die nächste Ambulanzkiste im Anflug sein. Die tun mir den Gefallen, aber auch nur, weil man sich kennt und sie wissen, nachts alleine ohne Ops-Besetzung ist man eine One-Man-Show und braucht alle zusätzlichen Augen und Ohren, die man kriegen kann. Der Tanker ist fertig. Ich rufe zur Abwechslung mal das Frachtzentrum an. Ja, die Beladung ist angekommen und wird derzeit gescannt. Immerhin. Da klingelt mein Handy, Die Ambulanzcrew im Terminal ist fertig mit der Futtersuche und will abgeholt werden. Ich gebe der Frachtcrew bescheid, dass ich jetzt weg muss und wieder komme, sollte ich Updates zur Fracht haben. Sie nicken. Sie kennen das schon. Sie stehen öfter mal nachts an irgendwelchen Flughäfen rum und verbringen ihre Zeit mit ahnungslosem Warten.

Ich gebe Gas und fahre zurück zum Hauptterminal, um die Crew einzusammeln. Da klingelt mein Handy. Ich kann den Ton schon jetzt nicht mehr ertragen. Die Verkehrszentrale ist dran. „Deine Maschine ist jetzt ten miles out“. Ok, Dankeschön. Dann ist Ambulanz Nummer 2 also auch in wenigen Minuten am Boden. Ambulanzcrew Nummer 1 möchte ins GAT bißchen schlafen. Mir recht. Ich bringe sie dahin. Aber beim Aussteigen fällt ihnen ein, dass sie ihr Ipad an Bord vergessen haben. Ohne Ipad keine Flugplanung für den Rückflug. Also wieder einsteigen, nochmal umdrehen und raus auf die Parkposition zum Flugzeug. Einer der beiden steigt aus und schließt das Flugzeug auf. Und man glaubt es kaum, da klingelt mein Handy…
Die Frachtcrew ist dran. Ob ich was von der Fracht wüsste. Ich tu mal so, als wüsste ich, und behaupte, die Fracht müsste in wenigen Minuten fertig gescannt sein. Danach Zollabfertigung und Verpackung und Verladung auf einen Wagen. Es wird wohl noch etwas dauern. Sie bedanken sich und legen auf. Ich rufe mal bei der Fracht an, um nachzufragen, wie daneben ich mit meiner Behauptung denn so lag. Tatsächlich ist die Fracht aber wirklich gleich fertig gescannt. Das läuft also.

So, das Ipad ist nun im Auto und Ambulanzcrew Nummer 1 und ich fahren wieder los. Auf der Parkposition ein paar Meter weiter kurvt schon der Follow Me herum. Der checkt schonmal die Position, dass auch nichts herumliegt, und er das Flugzeug da gleich problemlos draufstellen kann. Das ist immer ein Zeichen für: Da kommt gleich was.
Ich hab also nicht mehr viel Zeit. Ich düse zum GAT, werfe die zwei Kollegen raus und drehe direkt wieder um. Als ich zurück auf die Vorfeldplatte komme, rollt Ambulanz Nummer 2 gerade rein. Aber irgendwie sehe ich weit und breit keinen Krankenwagen. Seltsam. Die Maschine geht on block, die Tür geht auf und der Arzt steigt aus. „Holt mich keiner ab?“, fragt er mich. Ja keine Ahnung, denke ich mir. Anscheinend nicht. „Habe noch keinen Wagen gesehen“, erkläre ich ihm. Da ich mit der Notarzt- und Krankenwagen-Organisation gar nichts zu tun habe, kann ich da auch sonst nichts groß zu sagen. Mein Handy klingelt. Das Ops der Ambulanzairline ist dran. Ob die Maschine da ist, will man wissen. Ja, ist da. Ob die Med-Crew schon gut weg ist, will man wissen. Nein, die steht hier neben mir. Nee, die andere. Achso, ja, die ist schon lange weg. Und wieso die zweite nicht, will man wissen. Ja irgendwie noch kein Ambulanzwagen hier gewesen. Aha, und wieso nicht, will man wissen. Bin ich Jesus oder was!?
Er will sich dahinterklemmen. Ja, das will ich wohl meinen, denke ich mir.
Ich lege auf und gebe dem Arzt Bescheid, dass man sich dahinterklemmen will. Da klingelt das Handy wieder. Der Tanker ist dran. Er habe gerade eine Maschine auf dem Ankunftsmonitor gesehen und würde gerne wissen, ob sie tanken will, denn in einer Stunde ist er weg. Und wenn dann noch jemand spontan tanken will, muss er aus der Rufbereitschaft von zu Hause kommen und das dauert eine knapp eine dreiviertel Stunde. Ich frage mal nach. Nein, Tanken nicht nötig. Und die erste Ambulanz hat schon getankt und der Frachter auch. „Alles klar, dann gehe ich jetzt. Ruhige Nacht“, wünscht er mir. Danke. Die werde ich haben. NICHT.
In dem Moment biegt der Ambulanzwagen um die Ecke. Und mein Handy klingelt. Mal was ganz Neues…

Es ist die  Fracht. Es gibt Verzögerungen mit der Zuladung. Dauert noch bißchen. Alles klar. Ich sage der Ambulanz-Crew bescheid und fahre mal schnell zum Frachter rüber und gebe das Update weiter. Sie nicken nur. Ob ich sie mit rein nehmen kann ins GAT, bis die Fracht da ist? Klar, kann ich machen. Sie schließen das Flugzeug ab und steigen zu mir ins Auto. Ich fahre los zum GAT und setze die beiden ab. Sie sollen mich anrufen, wenn sie was brauchen, sage ich. Und sich irgendeine Lounge aussuchen, die halt frei ist.
Dann drehe ich um und fahr zurück zu Ambulanz Nummer 2. Die sind soweit auch fertig und wollen auch rein. Ich lade also auch sie ein, fahre zum GAT und gehe dann auch mit rein. Als Erstes koche ich eine große Kanne Kaffee, dann beehre ich den Süßigkeitenschrank und dann checke ich mal den Posteingang. Mittlerweile ist es 0230lt morgens.

Um 0330lt klingelt das Telefon. Die Med-Crew mit dem ersten Organ ist gerade in der Klinik losgefahren. In einer halben Stunde etwa werden sie am Flughafen sein. Ich mache mich möglichst leise auf dem Weg durch die Lounges, bis ich die zugehörige Crew gefunden habe und gebe Bescheid. Sie müssen jetzt raus und den Flieger parat machen. Sie rappeln sich aus ihren Schlafsesseln auf, sammeln ihre Sachen zusammen und folgen mir zur Sicherheitskontrolle. Danach ins Auto und ich bringe sie raus zum Flugzeug. In dem Moment klingelt mein Handy, die Fracht ist dran. Der Frachtfahrer ist jetzt unterwegs mit der Beladung. Ob das Flugzeug parat und die Crew vor Ort sei? Ne, sage ich, aber gleich. Ich fahre wieder zurück zum GAT, gehe rein, suche die Frachtcrew und gehe mit ihnen wieder zur Sicherheitskontrolle. Nachdem wir alle durchsucht wurden, fahren wir raus an das Flugzeug. In dem Moment klingelt das Handy wieder. Das Ops der Ambulanzfluggesellschaft ist dran. Ob denn die Crew schon zurück ist, will man wissen. Welche Crew, frage ich zurück, ich hab hier immer noch mehr als einen Flieger am Start! Wie, mehr als einen? Der Kerl am Telefon ist nicht der von vorhin und irgendwie klingt er verstört. „Ja, ich habe doch zwei Flugzeuge von euch hier und somit insgesamt 4 mal Crew“, sage ich und nenne ihm die Flugzeugkennungen. Jetzt ist er komplett verwirrt. „WAS!? Die eine Maschine sollte doch woanders hin?“ ruft er ins Telefon. „Weiß ich nicht,“ antworte ich ihm nicht ganz so laut. „Ich gehe davon aus, dass sie aber gerade im Krankenhaus irgendein Organ ausbauen. Wenn das ein Falsches wäre, würden die das bis jetzt mit Sicherheit gemerkt haben.“, gebe ich zu bedenken. Er brummelt was, dann legt er einfach auf. Ich nehme an, dass die Übergabe von seinem Schichtvorgänger nicht wirklich umfassend oder nur annäherungsweise gut ausgefallen ist. Der arme Mann.
Der Frachtfahrer kommt jetzt angezuckelt und stellt uns den Wagen mit der Beladung vor das Flugzeug. Eine große Kiste. Darin zwei Stapel irgendwelcher metallener Scheiben. Insgesamt 300 Kilo, sagt er. Nicht besonders viel aber zu schwer zum Heben. Wo er den Gabelstapler gelassen hat, frage ich ihn. Er guckt verwirrt. „BRAUCHST DU GABELSTAPLER!“, schreit er. Ich nicke nur. Haja, sollen wir die 300 Kilo mit einem Seil hochziehen oder wie stellt er sich das vor? Er schüttelt den Kopf und macht sich auf den Weg zurück. Die zwei Piloten, die schon parat stehen zum Einladen schauen mich ratlos an. Sie sprechen Spanisch und Englisch und haben den Wortwechsel nicht verstanden. Ich kläre sie auf, dass der Gabelstapler fehlt und sie schauen mich dermaßen verzweifelt an, als würden sie direkt anfangen zu weinen. Klar, eigentlich war ihr Plan eine Stunde Bodenzeit. Landung, Auftanken, Einladen, Abflug. Stattdessen befinden sie sich jetzt seit 4 Stunden hier und ich habe bisher immer nur schlechte Neuigkeiten für sie gehabt. Bis der Gabelstaplerkollege wieder da ist, wird es mit Sicherheit eine viertel Stunde dauern, weil die Dinger so langsam fahren. Ich sage bescheid, dass ich gleich zurück bin, und fahre zu Ambulanz Nummer 1 zurück. Da ist noch keine Med-Crew mit Organ aufgetaucht. Was seltsam ist, denn Organe, die transplantiert werden sollen, werden normalerweise mit Blaulicht und Sirene durch die Stadt chauffiert. Muss ja schnell gehen. Die Dinger halten nicht ewig. In dem Moment ruft mich die Flughafensicherheit an, sie würden jetzt einen Krankenwagen in den Sicherheitsbereich ziehen. Na also. Kurz danach biegt eine Blaulichtkolonne um die Ecke und hält bei mir an, aber ich sehe schon durch das Autofenster, dass der Arzt da drin nicht derjenige ist, der mit der Maschine rein kam, sondern der zu Ambulanz-Maschine Nummer 2 gehört. Kacke. Das is ja nu nix. Ich springe ins Auto und fahre mit quietschenden Reifen zurück zum GAT, renne ins Gebäude und wecke die schlafende Ambulanzcrew, die nun noch übrig ist. Die springen auf und rennen hinter mir her zur Sicherheitskontrolle. Mit 100 Sachen gehts raus zum Flugzeug, wo der Krankenwagen immernoch herumsteht und halte davor an. Ich erkläre schnell die Lage und dirigiere alle zu Ambulanzflugzeug Nummer 2 ein paar Meter weiter. Als ich davor anhalte und die Crew aussteigen lasse, sehe ich gerade am anderen Ende des Vorfeldes den Gabelstapler heranzuckeln und vor der Frachtmaschine anhalten. Dort geht dann auch direkt das geschäftige Treiben los. Der Gabelstapler gabelstapelt, die Ambulanzcrew macht das Flugzeug fertig, während die Med-Crew einsteigt und ihre Organkühlbox verstaut und schon klingelt mein Handy wieder. Med-Crew Nummer 2 ist jetzt auch auf dem Weg. Umso besser. Da muss ich wenigstens die Cockpitbesatzung nicht mehr aus dem GAT abholen, die ist ja schon am Flugzeug. Und irgendwie winkt  die jetzt grade ganz hektisch zu mir rüber. Wasn jetzt?

Ich gehe rüber und der Captain erklärt mir, dass sie was tanken müssen. Ja is klar, denke ich mir. Ich habe doch vorhin EXTRA gefragt, sage ich und muss an mich halten. Der Captain schiebt alles auf den Copilot. Der habe sich verrechnet. Ja, is klar. Aber hilft ja alles nichts. Wenn sie tanken müssen, müssen sie tanken. Aber das werden wir nicht schaffen, bevor das Organ da ist, erkläre ich ihm, da der Mitarbeiter der Tankfirma, über die ihre Fluggesellschaft immer den Sprit bezieht, im Standby zuhause sitzt und erstmal hierher kommen muss. Sie sollen doch bitte über einen anderen Anbieter tanken, schlage ich vor. Einen, der 24 Stunden am Flughafen vor Ort ist. Nee, wollen sie nicht, ist zu teuer. Klar ist das teurer aber naja… das is doch bekloppt! Aber es hilft alles nichts, der Captain stellt sich quer. Er ist bereit, den Tanker von zu Hause kommen zu lassen, was natürlich auch wieder extra kostet. Na gut, ich rufe ihn an, während ich über die Vorfeldplatte zum Frachter fahre, um zu schauen, wie man dort voran kommt. Die Kiste ist verladen und verzurrt. Sieht doch gut aus. Bitte jetzt abfliegen!
Aber nein, die Frachtpapiere fehlen und ohne die kann die Fracht nicht abfliegen. Und die hat der nette Frachtfahrer leider im Frachtzentrum liegen lassen. Heißt: Er muss mit seinem minus 30 kmh Gabelstapler wieder dahin fahren und die Papiere holen. Ich muss jetzt mal laut stöhnen. Es ist 0430lt verdammt. Das kann doch alles nicht wahr sein. Der Frachtfahrer ist extrem unglücklich, weil der Captain des Frachters jetzt anfängt, ihn anzuschreien und der arme Mann gar nicht weiß, wohin mit sich.
Der Tanker am Telefon ist not amused, das kann man sich ja vorstellen. Aber er muss halt. Die Piloten vom Frachter sind not amused, das kann man sich ja vorstellen. Aber sie müssen halt warten. Ich bin not amused, das kann man sich ja vorstellen. Aber das interessiert halt auch keinen.

Ich setze mich ins Auto und warte. Eine halbe Stunde lang passiert überhaupt nichts. Und dann sehe ich den Frachtfahrer ankommen und aus dem offenen Fenster mit den Frachtpapieren wedeln. Und mein Handy klingelt, die Flughafensicherheit teilt mir mit, dass sie jetzt einen zweiten Krankenwagen rein ziehen werden. Ich fahre zur Ambulanzcrew und gebe bescheid. „Gut“ entscheidet der Captain. Dann fliegen wir jetzt so. Sprit reicht schon noch.“ Ich. Raste. Aus.

Und dann geht alles ganz schnell. Die Blaulichtkolonne biegt um die Ecke, Med-Crew und Kühlbox steigen aus, ins Flugzeug rein, Tür geht zu, und Propeller werden angeworfen. Auf der anderen Seite der Vorfeldplatte schließt sich die Tür des Frachters gerade, Propeller beginnen, sich zu drehen. Der Krankenwagen und ich machen uns schnell aus dem Weg. Das erste Flugzeug fängt an zu rollen, dann das zweite und dann! Dann biegt der Tanker um die Ecke.

Um 0530lt sitze ich mit dem Tanker, den ich zwischenzeitlich beruhigt und somit vor spontanem Herztod durch Tobsuchtsanfall bewahrt habe, meinem Kollegen von der Frühschicht, der mittlerweile eingetroffen ist und dem Frachtfahrer, der jetzt nicht mehr ganz so fertig aussieht, im GAT und stosse mit Orangensaft auf das Überleben dieser Nacht an. Aus dem Radio schallen die Four Seasons „Oh what a night“

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Nullrunde

Citation Latitude
Foto: Die Autorin

Es ist ein guter Tag, alles läuft rund! Ich hatte bisher heute nur angenehme Crews, sehr nette Passagiere und ein reibungslos funktionierendes Flughafenpersonal. So kann es weitergehen, finde ich.
Meine nächste und letzte Amtshandlung für heute ist eine mittelgroße Maschine, die mit 2 Paxen nach London rausgehen soll. Die Maschine kenne ich schon, die ist öfter da. Allerdings kenne ich die Crew von heute noch nicht. Es gab einen Crew Change, was bedeutet, dass die Crew zwischen Ankunft und Abflug einmal wechselt.
Die „outbound Crew“ ist grade eingetroffen und ich nehme sie mit raus zum Flugzeug. Wir treffen die üblichen Vorbereitungen (Briefing, Auftanken, Catering-Anlieferung und so weiter), für diesen Flug mit Kurzstrecke nach London wird nicht viel an Vorbereitung benötigt. Das wird eine schnelle Angelegenheit denke ich mir, was mir gelegen kommt, da ich in einer Stunde Feierabend machen will. Abflug ist geplant für in 45 Minuten. Passt also alles. Eine wirklich runde Sache, dieser Tag!

Wir sind fertig am Flugzeug und ich fahre mit einem der beiden Piloten wieder rein zum GAT, um auf die Passagiere zu warten. Einer der Piloten bleibt üblicherweise draußen am Flugzeug. Er hält sich da parat, um sich schonmal beim Fluglotsen im Tower anzumelden und seine Startfreigabe einzuholen und so weiter, sobald er von seinem Kollegen (der mit uns Ramp Agenten am GAT wartet), ihm Bescheid gibt, dass der Passagier eingetroffen ist. So sparen sie die Zeit und es kann direkt losgehen, wenn der Passagier ins Flugzeug gestiegen ist. Dem Fluggast heute gehört das Flugzeug auch und die Crew kennt ihn daher sehr gut. „Zwischen einer halben Stunde zu früh und einer halben Stunde zu spät ist bei ihm alles möglich“ sagt man mir. Na gut. Ok, das ist ja noch moderat und in der Allgemeinen Luftfahrt ganz normal. Wichtig ist, dass der Flieger on time (also so eine halbe Stunde vor geplantem Abflug) fertig ist, sodass der Passagier ab dann jederzeit kommen kann. Und wenn der eine Stunde später erst da ist, dann ist das eben so. Das heißt dann natürlich für uns Ramp Agenten schieben, Einsatzpläne ändern, Services umbestellen, etc. Aber das gehört dazu und ist auch Teil der täglichen Herausforderung. Wenn alles anders läuft, als geplant und man dennoch einen Flieger mit allem drum und dran richtig gut „raus gekriegt“ hat, dann weiß man, was man geschafft hat.

Gut, also ich komme mit einem der Piloten ins GAT. Die Bundespolizei wartet schon auf die Passagiere für die Passkontrolle nach London (Non-Schengen). „Die müssten gleich da sein“ ist meine Standartaussage. Tatsächlich weiß man natürlich nie, ob das auch stimmt. Man hofft nur einfach das Beste. Kein Ding, sie warten auf ihn. Sehr nett. Manche Kollegen haben keine Geduld und sagen dann, man soll sie anrufen, sobald die Paxe vor Ort sind. Sie kämen dann wieder. Ich kann das verstehen. Natürlich haben sie keine Lust zu warten bis keinmenschweißwann und haben auch noch andere Dinge zu tun. Da sie nicht fest im GAT sitzen, kommen sie immer nur zu einem konkreten Non-Schengen Flug vorbei. Aber auf der anderen Seite ist das für mich als Ramp Agenten schlecht, denn wenn die Passagiere dann eintreffen, wollen sie in der Regel sofort zum Flugzeug und auf nichts und niemanden warten. Ihnen dann zu verklickern, dass sie jetzt mal noch auf die BuPo warten müssen, gefällt ihnen meistens nicht so sehr. Und wenn die Bundespolizei sich dann noch Zeit lässt und man 10 Minuten wartet, dann ist der Geduldsfaden eines jeden Passagiers und Crew-Mitglieds schon lange gerissen.

Ich trete mit dem Piloten vor die Tür und so stehen wir wie die Zinnsoldaten parat für die Ankunft der Gäste. Während wir warten, erzählt er ein bisschen von seiner Familie und dass er leidenschaftlich gerne kocht und von seinem letzten Flug und solche Sachen. Nach 20 Minuten kommt das Team von der Bundespolizei zu uns raus und fragt mal vorsichtig nach, ob es ein Update gibt. Gibt keins. Die Passagiere haben sich nicht bei uns gemeldet. Na gut, sie gehen wieder rein und setzen sich zum Zeitung lesen wieder hin. Wir unterhalten uns weiter vor der Tür, die Zeit vergeht. Nach 35 Minuten steht die Bundespolizei wieder vor uns. Sie werden von ihrer Leitstelle abgezogen und können jetzt nicht mehr warten. Man braucht sie grade mal woanders. Sie würden jetzt ihren  Einsatz machen und danach direkt wieder zu zum GAT kommen. Das ist ein gutes Angebot. Das tun sie mir zuliebe, das weiß ich. Man kennt sich ja nach ein paar Jahren. Zumindest vom Sehen und unzähligen Passkontrollen. Wir bedanken uns und bis später dann.

45 Minuten sind rum. So langsam wird es langweilig.
Wir gehen rein und setzen uns in zwei der bequemen Sessel in der Lobby des GAT. Von hier aus hat man einen ganz guten Blick auf den Haupteingang und auf den Parkplatz. Wenn ein Passagier vorfährt, kriegen wir das mit. So lümmeln wir herum und surfen mit unseren Handys im Netz, jederzeit bereit, aufzuspringen und Spalier zu stehen. Aber nichts tut sich. Ich werde vom Ops angefunkt. „Wie sieht’s aus bei dir?“ möchte man wissen. „Weit und breit kein Pax bis jetzt“ melde ich. „Ok“ kommt es zurück. „Sobald C. fertig ist, löst er dich ab“.
Also mein anderer Kollege soll den Flug fertig machen, an dem er gerade gebunden ist,  und danach zu mir kommen und übernehmen, sodass ich nach Hause gehen kann. Soll mir recht sein. Normalerweise macht man seinen Flug fertig, auch wenn man schon über der Zeit ist. Gerade bei Privatfliegern ist es wichtig, dass die Crew einen Ansprechpartner hat von Anfang bis Ende, der ihnen vertraut ist, und nicht die Ramp Agenten zwischendurch wechseln. Denn dann gehen immer Informationen verloren oder es wurde etwas abgesprochen, was der neue Kollege nicht weiß, etc. Also durchtauschen eher ungern. Aber außer warten und dann vom GAT zum Flugzeug fahren muss hier nichts mehr gemacht werden. Das kann dann durchaus auch ein Kollege weitermachen. Aber noch bin ich hier und warte auf die Paxe.

Nach 50 Minuten kommen die Kollegen von der Bundespolizei wieder vorbei. Sie hätten ihre Einsätze gemacht und da sie nichts von uns gehört haben, kommen sie mal gucken. Offensichtlich sind die Paxe aber immer noch nicht aufgetaucht. Sie hätten jetzt aber etwas Zeit und würden nochmal warten. Und so sind wir wieder zu viert.

Mittlerweile warten wir seit einer Stunde. Das kommt wirklich selten vor. Normalerweise bekommen entweder wir (also mein Kollege im Ops) oder die Crew irgendwann mal einen Anruf und werden informiert, dass es später wird, weil die Passagiere im Stau stehen oder im Meeting festhängen oder was auch immer. Vom Passagier selbst, von seinem Fahrer, der Sekretärin oder irgendwem anders. Aber in diesem Fall passiert gar nichts. Der Pilot ruft jetzt mal bei seinem Ops an und fragt nach, ob er irgendeine Info haben sollte, die aus irgendeinem Grund nicht bis zu ihm gelangt ist. Aber auch das Ops weiß von nichts und schiebt den Flugplan immer schön um eine halbe Stunde weiter nach hinten. Der am Flugzeug wartende Co-Pilot wird auch noch über Telefon informiert, dass es keine News gibt, und man sich weiter gedulden muss. Und so gedulden wir uns.

Nach anderthalb Stunden meldet sich mein Ops wieder übers Funkgerät. Mein Kollege am anderen Flieger hat einen schlechten Slot bekommen und die Maschine „kann nicht raus“. Das heißt, sein Flugzeug darf jetzt nicht starten, sondern muss auf ein bestimmtes, vorgegebenes Zeitfenster warten. Und der Kollege wartet natürlich mit. Wenn er jetzt weg fährt und die Crew braucht doch noch spontan was, wäre blöd. Heißt: ich bleibe da, wo ich bin. Ohne Ablöse. Aber was soll’s. Mittlerweile ist es mir eh schon egal.

Ich erfahre im weiteren Verlauf des Wartens noch ein bisschen mehr über die Hobbies der Kinder des Piloten, den Familienhund und die Wochenendwohnung in Holland. Dann (es sind jetzt zwei Stunden rum) klingelt das Handy des Piloten. Er erklärt irgendwem auf Englisch, dass der Passagier noch nicht aufgekreuzt ist und sich die Ankunft in London auf unbestimmte Zeit verschieben wird. Man würde über das Ops bescheid geben, wenn man Genaueres wüsste. Er berichtet mir, dass das eben der Fahrer der Limousine war, der von seinem Ops bestellt wurde, um den Passagier in London vom Flughafen abzuholen. Der steht nun auch schon seit einer Stunde am GAT in London vor der Tür und harrt dort der Dinge, die da kommen oder halt nicht kommen mögen. Tja, der arme Mann kann sich jetzt ausrechnen, dass er noch mindestens 1,5 Stunden dort warten muss, wenn das Flugzeug ja noch immer hier steht und der Passagier noch nicht mal ansatzweise in Sicht ist. Übrigens verabschieden sich die Kollegen von der Bundespolizei jetzt auch mal wieder zum nächsten Einsatz irgendwo anders.

Steppenroller
… und im Hintergrund die Titelmusik von „Spiel mir das Lied vom Tod“

Nach 2,5 Stunden hat der Pilot keine Lust mehr. Ich auch nicht, aber das sage ich natürlich nicht laut. „Das kann doch nicht wahr sein!“ regt er sich auf. Er hat ja Recht. Das ist echt langsam dreist. „Ich brauch jetzt was zu essen“, unterrichtet er mich. Aha. Ja gut, aber hier gibt es nichts. Richtiges Essen kaufen kann er nur im Hauptterminal, erkläre ich ihm. Da müssten wir mit dem Auto hin und das dauert ein bisschen, da rüber zu fahren, das passende Essen zu suchen, zu kaufen, wieder zurückzufahren und dann muss ich mit dem Auto ja auch erst wieder durch die KFZ-Kontrolle. Bis dahin ist der Passagier sicher schon da.
Ist ihm egal, sagt er. „Ich warte doch hier nicht wie der Volldepp! ich bin Angestellter, aber kein Sklave! Muss er halt auch mal kurz warten!“
Ja ok, er hat schon Recht. Aber das interessiert den Kunden halt wenig, der dann aufkreuzt und ihn rauswirft, weil er nicht standesgemäß auf ihn wartet.
Entweder ist der Kunde da sehr pflegeleicht oder der Pilot sehr mutig.

Tja also was nun? „Wir fahren zum Terminal, was zu essen holen“ entscheidet er. Na gut. Er ist der Kunde, er kann machen, was er will. Ich gehe los, das Auto holen. Das steht im Sicherheitsbereich direkt hinter der Tür der Sicherheitskontrolle, natürlich schön zum Einsteigen für die Passagiere bereit.
Ich gehe also durch die Kontrolle und steige ein. Ich hab mit dem Piloten ausgemacht, dass ich ihn gleich vor der Tür einsammeln komme. Und das mache ich auch. Zwischendurch habe ich das Ops über Funk informiert, was jetzt der Plan ist. „Dein Ernst?“ werde ich gefragt. Ich bestätige, dass das mein voller Ernst ist und dann höre ich „Naja wenn er meint. Muss er wissen“. Es ist jetzt 2,5 Stunden nach eigentlich geplanter Abflugzeit.

Er springt zu mir ins Auto und los gehts. Ich gebe Gas und fahre zum Terminal rüber.
Kurz bevor wir ankommen, klingelt sein Handy. Er geht ran, während ich nach einer Möglichkeit zum Halten Ausschau halte. Er hebt seine Hand und bedeutet mir hektisch, stehen zu bleiben. Das tu ich. Mitten auf der Straße. Mir doch egal.
Er telefoniert noch ein Weilchen, sagt ab und zu „is klar“ und dann nochmal lauter „is klar“ (mit Betonung auf dem is) und legt irgendwann auf. Dann dreht er sich langsam zu mir um. „Der Flug ist erst für morgen geplant!“

Jaaaa, und das war so: Die Assistentin des Passagiers hat leider vergessen mitzuteilen, dass der Flug einen Tag später erst stattfinden soll. Anscheinend war nur dem Passagier schon seit längerem klar, dass er heute nirgendwohin fliegen will und ansonsten halt mal KEINEM. Weder uns, noch den Piloten oder deren Einsatzsteuerung, noch dem Flughafen oder der Limousinenfirma in London wurde Bescheid gegeben. Der Pilot starrt mich völlig emotionslos an. „Ich glaube das nicht“ sagt er tonlos. Dann fuchtelt er mit Händen und Füßen und brüllt „Ich glaub das nicht!!!“ Ich sitze nebendran und lache Tränen.

Wir gurken also wieder zurück, direkt durch die KFZ-Kontrolle rein ins Ops und sammeln auf dem Weg noch den armen alleingelassenen Pilotenkollegen am Flugzeug ein. Als wir drin sind und meinem Kollegen berichtet haben, was Sache ist, den beiden Piloten ein Hotelzimmer besorgt und alles genau so wie heute für morgen wieder neu bestellt und angemeldet haben, packe ich meine Sachen zusammen. Ich strecke dem Pilot die Hand hin und will Ciao sagen, da packt und umarmt er mich. „Nach dem, was wir heut zusammen erlebt haben, ist ein warmer Händedruck zu wenig!“ sagt er. „Danke für die nette Gesellschaft! Ohne dich wäre ich da vor Langeweile eingegangen“. Ich muss grinsen. Und dann gehe ich nach Hause.

Wenn die Tante fliegt

Junkers52 D-AQUI
Junker Ju52 (Foto: Die Autorin)

Die Junkers Ju52 (genannt Tante Ju) ist ein historisches Flugzeug und wurde 1932 erstmals gebaut. Sie wurde sowohl zivil als auch militärisch im Zweiten Weltkrieg eingesetzt. Natürlich gab es damals mehr als eine davon. Heute wird sie nicht mehr hergestellt und nicht mehr geflogen, außer auf Nostalgie-Oldtimer-Flügen. Viele stehen aber auch in Museen. Eine der wenigen, die noch in Betrieb sind, gehört heute der Lufthansa Berlin Stiftung und macht jeden Sommer an mehreren Flughäfen Rundflüge. Ein Flugticket für einen halbstündigen Flug ist unfassbar teuer, aber alles ist immer ausgebucht. Der emotionale oder nostalgische Wert (gibt es das?) eines solchen Rundfluges ist es den Passagieren allemal wert. Das sind oft Veteranen, die das Flugzeug noch aus seiner richtigen Einsatzzeit kennen und damals vielleicht sogar selbst damit geflogen sind. Aber auch Fans historischer Flugzeuge sind bei den Rundflügen natürlich mit dabei.

Der Flugplan über den Sommer gestaltet sich in etwa so, dass die Maschine an Tag X zum ersten Mal auf Flughafen XY landet. Und zwar entweder ferry, also ohne Passagiere an Bord, oder meistens mit Passagieren, die einen der wenigen Streckenflüge gebucht haben, die es im Sommerprogramm zu buchen gibt. Also von einem Flughafen zum anderen. Der Vorteil für die Passagiere ist, dass der Flug länger dauert und ein Streckenflug natürlich interessanter ist, als einfach nur 2 große Runden um den Flughafen herum. Der Vorteil für den Operator des Flugzeugs ist, dass keine unnötigen Kosten durch einen leeren Positionierungsflug entstehen, wenn die Rundflugwoche an Flughafen X beendet ist und am nächsten Tag die Rundflugwoche an Flughafen Y beginnt.
Also, die Maschine kommt rein, lädt alle Paxe aus, und das war es dann für den Tag. Ab dem nächsten Tag gehen dann die Rundflüge los. Irgendwie so um die 4 Flüge am Tag, jeweils eine halbe oder dreiviertel Stunde, dann eine kurze Pause zum Absetzen und Aufnehmen der Passagiere und dann der nächste Flug. Vor und nach jedem Flug gibt es noch Zeit, um sich das Flugzeug von außen anzuschauen, Fotos zu machen und der Crew Fragen zu stellen Ju52-Flugplan 2018.
Soweit so gut. Nun muss sich ja aber irgendjemand an dem jeweiligen Flughafen um das Flugzeug, die Crew und die Passagiere kümmern. Also jemand, der die Flüge handelt, die Passagiere sammelt, die Crew vom Flieger und zurück bringt, sich um die Betankung kümmert, etc. Und für diesen Flughafen sind wir das diesen Sommer.

Wir haben heute den ersten Rundflugtag. Es ist gerade Mittag. Die Crew ist schon draußen beim Flugzeug und macht ihre Vorbereitungen. Wir sind eine Menge Leute im Dienst. Sogar ungewohnt viele. Denn: In das Flugzeug passen 14 Passagiere. Um die 14 Personen vom GAT zur Parkposition der Maschine zu bringen, brauchen wir unsere 3 Busse (Sprintergröße) mit jeweils Platz für 6 Personen. Also 3 Fahrer pro Strecke. Das ist ganz schön viel Personal, wenn man bedenkt, dass die Kollegen heute nur als reine Fahrer da sind. Aber es ist ja auch ein besonderes Flugzeug.

Der erste Flug soll um 1500 stattfinden. Also noch ewig Zeit, was gut ist, denn wir haben ja noch andere Flugzeuge auf dem Hof stehen, um die wir uns kümmern müssen. Ich stehe gerade im GAT und bin mit einer Crew im Gespräch, deren Flugzeug wir vor ihrem Abflug schleppen müssen, und kläre mit ihnen das Prozedere gleich draußen auf dem Vorfeld, da geht die Tür auf und herein kommt ein kleines Grüppchen älterer Damen und Herren in Wanderkleidung. Ein solcher Anblick ist selten im GAT (was nicht abwertend klingen soll, sondern einfach nur die Wahrheit ist). Ich denke mir, die haben sich verlaufen und wollen eigentlich entweder ins Hauptterminal oder nur „mal gucken“, was hier so ist. Kommt vor.
Ob sie hier richtig wären für den Rundflug, wollen sie wissen. Ja, sage ich, aber der erste findet erst in 3 Stunden statt. Ja, dessen seien sie sich bewusst, aber, wissen Sie, sie hatten etwas Angst, dass sie zu spät kommen könnten, weil, wissen Sie, man kennt sich ja nicht so gut aus am Flughafen und das ist ja alles recht kompliziert hier, wissen Sie, und wenn der Erich den Flug verpasst, ne, wissen Sie, das wäre ja wirklich ärgerlich! Ok, ich verstehe. Der Erich fliegt mit, der Rest ist nur als Support dabei. Ich erkläre ihnen wie es läuft: Sie machen jetzt irgendwas zum Zeittotschlagen und dann kommen sie ca. eine halbe Stunde vor Abflug, also um 1430, wieder zu uns ins GAT. Wir nehmen dem Erich dann sein Ticket ab und danach geht es mit den restlichen 13 Gästen durch die Sicherheitskontrolle, in die Autos und direkt raus auf das Vorfeld zum Flugzeug. Der Rest kann die Maschine von der Besucherterrasse des Flughafens aus sehen und zugucken. Da müssten sie nur eben rüber laufen. Die Gruppe freut sich halb tot, dass sie hier richtig sind, dass sie jetzt alles verstanden haben und dass es bald losgeht. Total bald. In 3 Stunden…

Aber es ist schon ein erfrischender Unterschied zu den Gästen, die man normalerweise so um sich hat. Das soll ebenfalls keineswegs abwertend klingen, ist aber eben auch nur die Wahrheit. Denn das sind sonst zu 80% erfahrene Privatjetpassagiere, die zu irgendeinem Vorstandsmeeting fliegen, eher neutral gelaunt, immer in Zeitdruck und schon ganz genau wissen, wo sie lang gehen müssen, wer sie dahin bringt und was zu tun ist. Aufregung und Vorfreude Fehlanzeige. Ist ja logisch, nach hundert Flügen. Aber normalerweise kommen diese Paxe auch erst so 10 Minuten vor Abflug und können dann direkt raus zum Flugzeug, das dann vorbereitet ist (sein muss). Wir haben somit sehr selten tatsächlich wartende Passagiere im GAT.
In der Allgemeinen Luftfahrt richtet sich der Flug eben nach dem Passagier und nicht andersrum. Und das ist ja auch die Daseinsberechtigung. Dass aber jemand 3 Stunden vor Abflug im GAT steht, ist für uns also ein äußerst absonderliches Erlebnis.
Die Gruppe geht aber grade schon raus Richtung Hauptterminals. Kaffee trinken und mal die Besucherterrasse suchen.
Gerade will ich mich wieder meiner Crew zuwenden, da geht die Tür wieder auf.
Ein älteres Ehepaar kommt rein. Ob man hier richtig sei für den Rundflug?

Eine Stunde später haben wir noch immer 2 Stunden Zeit bis zum Rundflug, aber bereits 18 Passagiere im GAT. 14 Passagiere von Rundflug Nummer eins und 4 Passagiere vom Rundflug danach! Anzahl steigend. Der Geräuschpegel ist ungewohnt hoch, ich verstehe am Telefon mein eigenes Wort nicht. Überall laufen Leute herum, die sich laut unterhalten und noch dazu aufgeregt sind und einem das auch ständig mitteilen möchten. Wir kriegen es gerade so hin, unsere anderen Flüge noch zu koordinieren, aber ein paar Nerven bleiben dabei schon auf der Strecke. Ich beantworte 14 Mal dieselben Fragen: Sind wir hier richtig? wo muss ich mein Ticket abgeben? Kann man das Flugzeug von hier aus sehen? Wo ist die Besucherterrasse? Wie lang läuft man bis dahin? Dürfen meine Freunde mich bis ans Flugzeug begleiten? Darf ich meine Tasche mitnehmen? Kann ich neben meiner Frau sitzen? Wo krieg ich hier denn ne Stulle? Wo ist die Toilette?
Ich flippe gleich aus.
Eine 3/4 Stunde vor Abflug fahre ich zur Maschine raus. Ich gebe der Crew bescheid, dass alle Passagiere schon anwesend sind und frage, wann wir sie raus bringen sollen. Die Crew ist aber schon so weit und gibt mir direkt „boarding ok“, das gebe ich über Funk weiter und dann kann es losgehen. Ich fahre zurück zum GAT, wo schon zwei Fahrer-Kollegen mit ihren Wagen hinter der Tür der Ausreisekontrolle parat stehen. Einer nach dem anderen steigen die Passagiere in die Autos ein und dann fahren wir los. Bereits nach wenigen Metern Fahrt über das Vorfeld rasten meine Passagiere ein bißchen aus vor Begeisterung. Und ich kann es echt verstehen. Wer kann schon von sich behaupten, mit so einem kleinen Auto dicht vorbei an den Flugzeugen quer über das Vorfeld gefahren zu sein. Die Perspektive ist einfach Bombe! Ich selber freue mich jedes mal wieder, wenn ich draußen unterwegs bin, obwohl ich das ja nun schon ein paar Jahre mache. Es fühlt sich an wie ein Privileg. Kein normaler Mensch darf dahin, wo ich jeden Tag hin darf. Und so ähnlich müssen sich nun meine Paxe fühlen, die aus den Autofenstern fotografieren, als gäbe es kein Morgen. Und dann fahren wir um eine letzte Kurve und Tante Ju kommt in Sicht.

Sie ist schon sehr charakteristisch und unverkennbar mit dem Wellblech an den Tragflächen und den drei Propellern. Jetzt wird es auch richtig laut im Auto. Alle wollen sofort aussteigen. Ich fahre ganz nah an das Flugzeug auf die Parkposition und öffne die Türen. Schnell springe ich selber raus und beobachte die Meute. Es ist ja meine Aufgabe, zu schauen, dass keiner unkontrolliert herumläuft oder die auf dem Boden rot markierten Grenzen der Parkposition verlässt. Es klappt ganz gut. Meine Kollegen stellen sich mit ihren Autos neben meins und lassen auch ihre Insassen aussteigen. Wir sichern zu dritt die Parkposition ab. Dann sammelt die Crew die Gäste zusammen und fängt dann erst einmal an, alle willkommen zu heißen und über das Flugzeug zu erzählen. Das macht ihnen sichtlich Spaß. Es sind eigentlich normale Lufthansa-Piloten und die Ju fliegen zu dürfen, ist schon eine Ehre, haben sie mir erzählt. Als sie fertig mit Erzählen und Fotografieren sind, steigen alle ein. Das dauert ein bißchen, denn die meisten Passagiere sind ja ein älteres Semester und die Maschine steht schräg. Da das Fahrwerk, also die Räder, vorne höher stehen als hinten, muss man von der Einstiegstür, die ganz hinten ist, sozusagen bergauf laufen, um zu seinem Platz oder Richtung Cockpit zu gelangen. Ist nicht einfach für diejenigen, die nicht mehr gut zu Fuß sind. Aber sie beeilen sich und wir helfen ihnen.

Cockpit Ju52
Cockpit Ju52 (Foto: KM)

Dann geht die Tür zu und wir machen, dass wir von der Platte kommen. In einer halben Stunde sollen wir wieder da sein, die Passagiere abholen. Mit viel Herumschieben und Umplanen und unerlaubter Tempolimitübeschreitung klappt es, dass alle drei Auto direkt nach der Landung der Maschine auf der Parkposition parat stehen. Wir haben das vorher unterschätzt, das merken wir jetzt. Denn alle anderen Flugzeuge, die ja genau so unsere Kunden sind, wie die Ju52, haben aktuell das Nachsehen. Wir haben nur drei Busse (Größe Sprinter) in unserer Flotte und wenn alle drei auf einmal nicht verfügbar und woanders gebunden sind, bleiben alle anderen Passagiere erstmal stehen. Am Flughafen kann man ohne Auto überhaupt nichts machen. Laufen ist generell verboten, nicht jeder darf auf dem Vorfeld Autofahren und Fahrzeuge im Sicherheitsbereich müssen zumindest 3 Räder besitzen. Warum auch immer.
Wir können natürlich aber auch nicht mit nur einem oder zwei Wagen an die Ju fahren, denn der Rest der Passagiere, der nicht mehr ins Auto passt, steht dann unbeobachtet auf dem Vorfeld herum. Es ist in unserem Job ohnehin ein No Go, nur einen Teil von Passagieren zu befördern, und den anderen Teil warten zu lassen, bis man den ersten Teil abgesetzt hat. Niemals würde man das machen. Entweder alle oder keinen. Und der gute Ramp Agent kann sich kaum entscheiden, was schlimmer ist. Entweder Passagiere mit dem Einsteigen warten zu lassen, bis ein zweites Auto vor Ort ist oder kein Auto zur Verfügung zu haben. Ich selbst habe aufgrund solcher Espasstnichtsituationen schon viele Herzanfälle durchlitten.

Wie auch immer, wir stehen zu dritt on time parat, die Maschine geht on block und die Tür geht auf. Ein sehr alter Mann steigt als Erstes aus. Er kommt auf mich zu gelaufen. Er schwankt ein bißchen. Ich steige schnell aus dem Auto. Hoffentlich hat er kein Kreislaufproblem. Ich gehe ihm entgegen. Und dann sehe ich, dass er weint! Ich weiß jetzt mal kurz nicht, was ich machen soll. Ich frage ihn mal, ob ihm was weh tut? Er schüttelt den Kopf und fällt mir um den Hals. Heulend bedankt er sich bei mir. Ich hab kein Plan, für was eigentlich. Und dann fängt er an zu reden und jetzt verstehe ich, dass er überwältigt ist von seinem Flug mit der Ju und dass er dankbar ist, dass ich ihn dahin gefahren habe und überhaupt alles und was weiß ich. Ist krass, das muss ich schon sagen. Für den Mann hat sich ein Traum erfüllt. Ein weinender alter Mann steht da und weiß gar nicht, wohin mit sich, weil er gerade etwas erlebt hat, was er sein Leben lang machen wollte. Das ist auf jeden Fall eine Seite der Allgemeinen Luftfahrt, die man so nicht oft erlebt und womit man in seinem Arbeitsalltag auch gar nicht rechnet.

Wir bringen alle Passagiere zurück zum GAT, wo sie von ihren aufgeregten Begleitern in Empfang genommen werden. Der Lärm ist ohrenbetäubend, meine Kollegen an den Telefonen sind nah am Tobsuchtsanfall. Man darf ja nicht vergessen, dass sie seit Stunden schon wartende Passagiere von Rundflug Nummer 2 und jetzt auch 3 im GAT „betreuen“, während sie noch diverse andere Flüge koordinieren müssen.
Rundflug Nummer 2 macht sich auf zur Kontrolle und wir stehen wieder als Fahrer mit den Autos Spalier. Los geht die zweite Tour. Wir machen das ganze Rein und Raus heute noch 3 mal. Bis alle Rundflüge durch sind, die Crew versorgt ist, alle Passagiere das GAT verlassen haben und wieder Ruhe einkehrt, dauert es noch knapp 4 Stunden. Ich habe ein- und dieselben Fragen in Endlosschleife beantwortet, mehrfach den angebotenen Beruhigungsschluck Korn abgelehnt (wieso soll ich mich als Nicht-Mitflieger überhaupt beruhigen? Und wieso haben Senioren immer Korn und nichts Leckeres zu trinken dabei?) und fremde Hände gehalten. Obwohl es schon einige bewegende Momente gab, sind wir mit den Nerven doch ziemlich runter. Ich bin so froh, dass ich heute keine Passagiere mehr sehen und hören muss. Soll nicht abwertend klingen, aber… ist halt die Wahrheit.

Bevor ich mich für den Feierabend umziehe, gehe ich kurz vor die Tür, um mal kurz frische Luft zu schnappen und durchzuatmen. Da sehe ich auf dem Parkplatz ein kleines Grüppchen Menschen in Wanderklamotten stehen. Als ich vor die Tür komme, drehen sich die Köpfe zu mir. In meinem Kopf beginnt die Anfangsmusik von Der weiße Hai. Die Gruppe setzt sich in Bewegung und kommt auf mich zu. Der weiße Hai wird lauter. Ob man hier richtig sei, rufen sie mir zu. Wissen Sie, der Willi hier hat für morgen einen Rundflug gebucht, wissen Sie, und man wolle schonmal gucken, wo man hier hin müsse.